Mit Kind im Krieg: Ich prüfe heimlich den Weg zum nächsten Bunker
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Ein kleiner Eingang, eine steile Treppe, die in einen verwinkelten Raum im Untergrund führt. Das ist der öffentliche Schutzraum in der Moriah-Straße in Haifa, Ecke Wolfson-Straße. Als ich hier ankomme, sind schon viele Menschen hier, einige Hunde, vereinzelt Stofftiere. Der 79-jährige Amos sitzt auf seiner Matratze und hört Nachrichten auf seinem mitgebrachten Radio.
Draußen heulen die Sirenen, immer mehr Leute dringen herein in den öffentlichen Schutzraum auf der Moriah-Straße. Amos, dessen weiße Haare aus der Mütze hervorstehen, ist dick eingepackt in Fleecejacke und Wollschal. Er beobachtet die Menschen, die in den Bunker strömen, manche mit Panik im Gesicht, manche betont gelassen. Amos hingegen wirkt, als wäre der öffentliche Schutzraum sein persönliches Wohnzimmer.
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„Bist du auch aus der Gegend?“, fragt er mich. Ich erzähle ihm nicht, dass ich meinen Morgenspaziergang sorgfältig geplant habe. Dass ich mich für zehn Minuten ins Badezimmer zurückgezogen habe, um abseits der Augen des Kindes auf der Open Street Map am Handy nachzusehen, wo es entlang meiner Route öffentlich zugängliche Schutzräume gibt. Oder besser gesagt: Wie ich die Route meines Morgenspaziergangs so gestalten kann, dass ich nie länger als fünf Minuten zum nächstgelegenen Bunker laufen muss.
Mit Kind im Bunker: Alltag zwischen Alarm und Schutzraum
Nachdem ich die Route meines Bunker-Staffellaufs festgelegt hatte, schlüpfte ich in die rutschfesten, absatzlosen Schuhe und ließ meine zwölf Kilogramm schwere Tochter in die Tragevorrichtung klettern. Der Kinderwagen bleibt zu Hause. Wenn es Alarm gibt, muss es schnell gehen, oft auch über viele Stufen. Huckepack als Kriegsmaßnahme.
Seit gestern Morgen ist Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft wir schon Luftschutzalarm hatten. Manchmal sitzen wir im Schutzraum und warten auf das Entwarnungssignal, und schon kommt die nächste Sirene.
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Nachts hatten wir Glück: Es gab nur zweimal Alarm. Trotzdem sind die meisten Menschen, mit denen ich spreche, schon nach der ersten Nacht ziemlich müde. Wenn man aus dem Schutzraum oder Bunker herauskommt, legt man sich nicht sofort ins Bett und schließt die Augen. Man schreibt Nachrichten oder beantwortet sie.
„Seid ihr okay?“, frage ich gegen Mitternacht einen Bekannten, der im Zentrum Tel Avivs wohnt. Ich hatte gehört, dass es einen Einschlag nahe seiner Wohnung gab. Der Bekannte antwortet rasch. Er und seine Partnerin hätten sich für die Dauer des Kriegs in einem Dorf nahe Jerusalem niedergelassen, erzählt er. Auch ein anderer Freund aus Tel Aviv erzählt, dass seine Wohnung leersteht, weil es dort keinen richtigen Schutzraum gibt. Stattdessen nächtigt er im Hotel.
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Nicht alle haben so viel Geld, um sich anderswo einzumieten. Amos, der 79-Jährige, hat zwar eine Wohnung unweit des öffentlichen Bunkers in der Moriah-Straße. Dort gibt es aber keinen Schutzraum. „Soll ich mehrmals pro Nacht in den Bunker laufen und wieder zurück? Dafür bin ich zu alt“, sagt er. Also hat er hier sein Lager aufgeschlagen: Matratze, Decke, ein paar Snacks, ein riesiger Stoffhund und das Taschenradio. Das Licht kommt hier aus Neonröhren, die Luft trägt eine leichte Urinnote. Für Amos ist das nicht wichtig. „Ich habe hier alles, was ich brauche“, sagt er. „Es ist wie ein Hotel, nur gratis.“
