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EU-Staaten alarmiert

Nato reagiert auf Angriffe des Iran: Ziehen die Mullahs Europa in den Krieg?

Nikosia/Berlin. EU-Staaten und die Nato rüsten auf: Wie gefährlich werden die Angriffe des Iran? Experten haben vor allem eine große Sorge.
Von Christian Kerl, Korrespondent
Iran warnt Europäer vor Unterstützung der USA und Israels

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Der Krieg um den Iran löst jetzt auch in Teilen Europas neue Angst vor einer militärischen Eskalation aus. Vor allem im Südosten des Kontinents wächst die Sorge vor Angriffen des Iran oder seiner verbündeten Terrormilizen – mit womöglich dramatischen Folgen: Werden die Nato oder die Europäische Union auf diese Weise in den Iran-Krieg hineingezogen?

Beim EU-Mitglied Zypern herrscht Alarmstimmung, nachdem ein hoher Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden im staatlichen Fernsehen eine klare Drohung ausgesprochen hatte: „Wir werden Zypern mit solcher Intensität mit Raketen beschießen, dass die Amerikaner gezwungen sein werden, die Insel zu verlassen“, sagte Brigadegeneral Ebrahim Jabbari. Ein erster Drohnenangriff auf den britischen Militärstützpunkt Akrotiri im Süden der Mittelmeerinsel ist glimpflich ausgegangen, eine Drohne explodierte auf der Rollbahn, zwei weitere wurden rechtzeitig abgefangen; wahrscheinlich hatte die mit Teheran verbundene Hisbollah-Miliz im Libanon die iranischen Shahed-Drohnen gestartet.

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Die Reaktionen der Europäer sind massiv: Griechenland hat F-16-Kampfjets, Luftabwehrsysteme und eine Fregatte nach Zypern entsandt, Frankreich schickt einen Flugzeugträger, Großbritannien Hubschrauber zur Drohnenabwehr sowie ein Kriegsschiff. Das zyprische Innenministerium hat für die Bürger umgehend ein SMS-Warnsystem eingerichtet und gibt Anweisungen für den Notfall: Wenn möglich, sollten sich die Einwohner bei Alarm in den Keller begeben, ansonsten in Gebäuden bleiben und sich von Türen, Glasflächen und Fenstern fernhalten. Die US-Botschaft in der Hauptstadt Nikosia erlaubt einem Teil ihrer Mitarbeiter „aus Sicherheitsgründen“ die Ausreise, umgekehrt sind US-Bürger aufgefordert, Reisen nach Zypern zu überdenken.

Karte: So weit reichen die Raketen des Irans

Laut Daten des Center for Strategic and International Studies verfügt der Iran über Raketen mit verschiedenen Reichweiten. Einige Beispiele sind die „Sedschil“ (2500 Kilometer), die „Cheibar“ ‌(2000 Kilometer) und die „Hadsch Kassem“ (1400 Kilometer). Unsere Karte zeigt jeweils den Umkreis um die iranische Hauptstadt Teheran in einer Entfernung von 1500, 2000 und 2500 Kilometern.

Warum die Nato nach dem Angriff auf die Türkei nicht eingreift

Nicht nur das EU-Land Zypern sieht sich bedroht. Auch andere Staaten im Südosten des Kontinents sind alarmiert. Das Mullah-Regime in Teheran ist offenbar entschlossen, den Konflikt auszuweiten – um den Druck auf die USA zu erhöhen, einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Sicherheitsexperten schließen nicht aus, dass auch Griechenland Ziel sein könnte, Rumänien und Bulgarien liegen ebenfalls in Reichweite der iranischen Raketen. Die Türkei erlebte bereits einen Angriff: Eine Rakete sollte offenbar den wichtigen Nato-Luftwaffenstützpunkt İncirlik im Süden der Türkei treffen, auf dem rund 1500 US-Soldaten stationiert sind. Abwehrraketen eines US-Zerstörers im Mittelmeer konnten die Rakete rechtzeitig abfangen.

Eigentlich hätte dieser Vorfall eine Reaktion der Nato, womöglich eine militärische Eskalation auslösen können: Wird ein Mitgliedsland angegriffen, kann es die Nato darum bitten, den Bündnisfall zu beschließen. Wenn das passiert, hätten alle Nato-Staaten eine Beistandspflicht, die allerdings nicht zwingend auch militärische Hilfe bedeutet. Doch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat daran kein Interesse. Erdogan hat den Angriff der USA und Israels auf den Iran verurteilt, er unterhält gute Beziehungen zu Teheran und verhält sich im Krieg neutral.

Das iranische Mullah-Regime hat sein Raketenarsenal auch öffentlich als Zeichen der Stärke präsentiert: Das Archivbild zeigt eine Ausstellung im Norden Teherans, bei der im Iran produzierte Raketen und Satellitenträger zu sehen waren. © DPA Images | Vahid Salemi

Erdogans Außenminister Hakan Fidan rief daher nicht in Brüssel im Nato-Hauptquartier an, sondern meldete sich verärgert im Außenministerium Teherans, um vor einer Eskalation zu warnen. Die Nato ist ihrerseits bemüht, sich nicht in den Konflikt verstricken zu lassen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte sagt, niemand glaube, dass die Allianz an dem Krieg beteiligt werde. Der Iran und die Golfstaaten lägen außerhalb des Nato-Gebiets, für das allein die Beistandsklausel gilt. „Es gibt absolut keine Pläne für die Nato, da hineingezogen zu werden oder Teil davon zu werden“, sagt Rutte.

Doch zugleich fährt die Nato jetzt ihre Abwehr hoch: Das militärische Hauptquartier der Nato-Streitkräfte (Shape) im belgischen Mons erklärte, wegen der Gefahr iranischer Raketen- oder Drohnenangriffe werde die gemeinsame Flugabwehr an der Südflanke deutlich verstärkt. Es würden auf Anordnung des Befehlshabers des Nato-Luftstreitkräftekommandos vor allem zum Schutz der Türkei und Griechenlands zusätzliche Luftverteidigungssysteme in Stellung gebracht, zudem sei die Alarmbereitschaft der bestehenden Batterien hochgefahren worden.

Dass die Systeme funktionierten, zeige die Tatsache, dass die auf die Türkei gerichtete Rakete in weniger als zehn Minuten nach der ersten Identifikation abgeschossen worden sei, erklärte ein Sprecher des Oberkommandos. Selbst wenn weitere Raketenangriffe auf Nato-Territorium nicht so glimpflich ausgehen – einem Bündniseinsatz müssten alle Mitgliedstaaten zustimmen. Jedes Nato-Land würde dann für sich entscheiden, ob es militärisch Hilfe leistet oder nur politisch und vielleicht finanziell.

Bei Zypern liegt der Fall anders: Der Inselstaat ist kein Nato-Mitglied, gehört aber der Europäischen Union an und könnte sich auf eine Beistandsklausel der EU berufen, die jener der Nato ähnelt. Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf ein EU-Land sind die anderen Unionsstaaten „verpflichtet, diesem Land mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Hilfe zu leisten und es zu unterstützen“. Wie das in der Praxis ablaufen soll, ist allerdings nie geklärt worden. Zypern hat bislang auch nicht die Absicht, offiziellen EU-Beistand anzufordern.

Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe

Unabhängig davon haben Deutschland, Frankreich und Großbritannien dem Iran bereits mit militärischen Reaktionen gedroht: „Wir werden die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Interessen und die unserer Verbündeten in der Region zu verteidigen“, so Kanzler Friedrich Merz (CDU), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premier Keir Starmer in einer gemeinsamen Erklärung. „Dies kann potenziell auch, falls notwendig, das Ermöglichen von verhältnismäßigen militärischen Defensivmaßnahmen einschließen, um die Fähigkeit des Iran, Raketen und Drohnen abzufeuern, an der Quelle zu zerstören.“

Die Bundesregierung versichert, es gehe nicht um einen Kriegseintritt, sondern allein um Selbstschutzmaßnahmen der Bundeswehr, die im Rahmen einer internationalen Mission mit rund 500 Soldaten im Irak und in Jordanien präsent ist – an beiden Standorten wurden schon iranische Drohnenangriffe abgewehrt. Am Iran-Krieg aber werde sich Deutschland nicht beteiligen, versichert Außenminister Johann Wadephul (CDU): „In keiner Weise. Das ist vollkommen klar.“

Der französische Flugzeugträger „Charles de Gaulle“: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat als Reaktion auf iranische Drohnenangriffe auf Zypern angekündigt, dass der Flugzeugträger jetzt ins östliche Mittelmeer entsandt wird. © AFP | Johan Nilsson

Doch Frankreich und Großbritannien verstehen die gemeinsame Erklärung anders: „Die einzige Möglichkeit, die Bedrohung zu stoppen, besteht darin, die Raketen an ihrem Ursprung zu zerstören“, sagt Premier Starmer, „in ihren Lagern oder den Abschussrampen.“ Prompt droht Teheran mit Vergeltungsangriffen auf europäischem Boden: „Jeder derartige Akt gegen den Iran würde als Komplizenschaft mit den Aggressoren gewertet werden“, warnt ein Sprecher des Außenministeriums. „Es würde als Kriegsakt gegen den Iran angesehen werden.“

In Europa wächst die Sorge vor iranischen Terroranschlägen

Ein mögliches Übergreifen der Krise auf EU-Gebiet ist in Brüssel deshalb längst ein großes Sorgenthema. Auch mit Blick auf andere Bedrohungen: Die Befürchtungen gelten auch möglichen iranischen Cyberangriffen gegen Europa und der Gefahr von iranischen Terroranschlägen. Die EU-Kommission spricht von „erhöhter Wachsamkeit“ und kündigt an, wegen der Risiken die Kooperation mit der EU-Polizeibehörde Europol zu intensivieren.

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Im Krisenmodus

Eines der Horrorszenarien: Die Iraner könnten in einer verzweifelten Lage ihre letzte Rettung in unkoordinierten Terroranschlägen sehen. Seit 2018 habe es in Europa elf Anschlagsversuche des Iran gegeben, sagt der Sicherheitsexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College: Wenn das Mullah-System im Kern bedroht sei, könne es als letztes Mittel seine Terrornetzwerke aktivieren und den Krieg auf Europa ausweiten. Noch sei das Risiko nicht hoch, sagt Neumann, aber Europa müsse sich darauf vorbereiten.

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