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Iranische Geheimdienste

Iranische Low-Level-Agenten in Deutschland: Ändert Teheran seine Taktik?

Berlin. Gegner des Regimes in Teheran feiern auch hier. Mullahs fürchten um ihre Existenz. Ändert der Iran seine Taktik für Operationen in Deutschland?
Von Fabian Klaus, Christian Unger, Jan Jessen und Jochen Gaugele
Angriffe auf den Iran: Bundesweite Proteste in Deutschland

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Das, was sich Tawab M. illegal beschaffen wollte, war brisant: Waffen, Technik für Sprengvorrichtungen, Zubehör für explosives Material. Sein Ziel, so soll er im Mai vergangenen Jahres einem Vertrauten erzählt haben, war deutlich: Er wollte einen Komplizen zum Terrorismus anstiften, wollte einen Anschlag auf jüdische Einrichtungen initiieren.

Tawab M., ein Afghane, der in Dänemark lebte, war nicht allein. Er hatte Kontakt zu Ali S., ebenfalls afghanischer Staatsbürger. Beide sind mittlerweile in Untersuchungshaft, beide sind mittlerweile in Deutschland – ausgeliefert von der dänischen Polizei. Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen die Afghanen. Der mutmaßliche Auftraggeber von Ali S.: der iranische Geheimdienst.

Feiernde Regime-Gegner in Berlin: Nachrichtendienste warnen vor Aktionen iranischer Agenten gegen Demonstrierende. © AFP | Ralf Hirschberger

Ali S. selbst streifte wochenlang durch Berlin, kundschaftete nach Informationen der Strafverfolger jüdische Einrichtungen aus, machte Fotos, unter anderem vom Sitz der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und von einem Gebäude, in dem sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland immer wieder aufhält.

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Iranische Agenten sollen Anschläge in Deutschland geplant haben

Tawab M. und Ali S. – es ist eine mutmaßliche Agenten-Zelle des islamistischen Regimes der Mullahs in Teheran. Wie weit die Anschlagspläne tatsächlich waren, müssen die Ermittlungen zeigen. Über Monate waren Staatsschützer an Ali S. dran, hatten ihn observiert.

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Der Fall zeigt nach Ansicht der Sicherheitsbehörden, wie weit die Führung Irans bereit ist zu gehen. Auch in Europa, auch in Deutschland. Gewalt im Namen der „Islamischen Revolution“ – sie kann auch hier passieren. In Nordrhein-Westfalen verurteilte ein Gericht einen Deutsch-Iraner, der 2022 einen Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Bochum geplant hatte – und versehentlich eine Schule traf. Die Bundesregierung sah eine Beteiligung iranischer staatlicher Stellen.

„Da kann die Hemmschwelle der iranischen Agenten in Deutschland sinken“

Die Aktionen sind brisant – aber bisher eine Ausnahme. Anders als Dschihadisten hielt sich der iranische Geheimdienst bisher in Deutschland zurück, zumindest mit Gewalttaten. Und doch sind die Sicherheitsbehörden alarmiert. Und jetzt besonders, da die Existenz des Regimes in Teheran auf dem Spiel steht. „Da kann die Hemmschwelle der iranischen Agenten in Deutschland sinken“, sagt einer, der die Szene seit vielen Jahren beobachtet.

Und der Antisemitismusbeauftragte des Bundes, Felix Klein, hebt hervor, es sei damit zu rechnen, „dass der Iran seine Netzwerke hierzulande für Terroranschläge gegen jüdische und israelische Einrichtungen nutzen“ werde. „Den Mechanismus zwischen erhöhten Spannungen im Nahen Osten und verstärkten Angriffen auf jüdisches Leben in Europa haben wir in der Vergangenheit immer wieder gesehen“, sagte Klein unserer Redaktion.

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Neben dem iranischen Geheimdienst MOIS ist auch die „Quds-Brigade der Iranischen Revolutionsgarden“ in Deutschland aktiv, verantwortlich für Operationen im Ausland. Neben Russland, China und der Türkei sehen die Nachrichtendienste den Iran als „Hauptakteur“ von Spionage, Propagandaaktionen und Cyberangriffen in Deutschland. Im Visier der iranischen Dienste vor allem: die Opposition gegen die Mullahs, die im deutschen Exil lebt.

Demonstranten feiern Angriff – Polizei bleibt wachsam

Gestern, am Tag des Angriffs, waren sie wieder auf der Straße: Vor allem in Berlin demonstrierten massenhaft Gegner der Regierung in Teheran – und bejubelten mit Freudentänzen den Angriff der USA und Israels. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. Es blieb ruhig. Auch für Sonntag sind Proteste angekündigt. Die Behörden erwarten weitere Demonstrationen.

Doch anders als nach den Terrorangriffen der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und der Bombardierung des Gaza-Streifens gehen Ermittler nicht davon aus, dass die Lage auf der Straße eskaliert. Seit dem Gaza-Krieg kommt es in Deutschland immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und Israel-Freunden. Doch Irans Regime bringt in Deutschland keine Massen auf die Straße, so ein Nachrichtendienstler. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte unserer Redaktion: „Wir lassen nicht zu, dass Konflikte aus dem Ausland hier bei uns ausgetragen werden.“

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Die Dienste warnen vor Entführungen und Folter – ein Mittel der Mullah-Agenten

Doch agieren einzelne Agenten und angeworbene Sympathisanten der Mullahs entlang der Demonstrationen der Regime-Gegner – sie beobachten, sie machen teilweise Fotos, spähen aus. Davon jedenfalls gehen die Sicherheitsbehörden aus. Und davon berichteten in der Vergangenheit Teilnehmer der Veranstaltungen unserer Redaktion. In manchen Fällen kommt es zu Drohungen, etwa im Nachgang von Demonstrationen.

Noch größer ist die Angst der Iranerinnen und Iraner, dass ihren Angehörigen in der Heimat etwas zustößt, wenn sie sich in Deutschland gegen die Mullahs lautstark engagieren. Und die Dienste in Deutschland warnen vor Entführungen und Folter – ein Mittel der Mullah-Agenten.

Februar 2026: Menschen demonstrieren in Berlin gegen das Regime in Teheran. Manche berichten von Angst um ihre Angehörigen im Iran. © Getty Images | Sean Gallup

Auch hier lebende Gegner des Regimes können Opfer solcher Operationen werden, insbesondere bei Reisen in Anrainerstaaten des Irans, warnt der Verfassungsschutz. 2020 wurde ein Deutsch-Iraner bei einer Reise in ein Nachbarland des Irans verschleppt. Als Reaktion auf die Hinrichtung des deutsch-iranischen Doppelstaatsbürgers Jamshid Sharmahd hatte die Bundesregierung 2024 alle drei iranischen Generalkonsulate in Deutschland schließen lassen.

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Der deutsche Nachrichtendienst spricht auf Nachfrage unserer Redaktion zudem von einer „weiterhin hohen abstrakten Gefährdung für Einrichtungen in Deutschland, die Israel und den USA nahestehen“. Dazu gehören jüdische Schulen, US-Militärstützpunkte – und Botschaftsgebäude. Nach dem Gaza-Krieg hatte die Polizei die Wachen an jüdischen Einrichtungen bereits erhöht. Der Schutz dieser werde jetzt erneut verstärkt, heißt es etwa aus dem Innenministerium in Thüringen.

Bundesregierung verbietet „bedeutendes Propagandazentrum“ des Regimes

Die Botschaft des Irans ist es auch, die Fachleute in den Behörden als Schaltstellen der Agententätigkeit in Deutschland ausmachen. Doch 2024 gelang dem Staat ein Schlag gegen den langen Arm der Mullahs: Polizisten durchsuchten die „Blaue Moschee“ an der Alster in Hamburg, die Bundesregierung ließ den Verein „Islamisches Zentrum Hamburg“ (IZH) verbieten – ein „bedeutendes Propagandazentrum Irans in Europa“, wie die Dienste schreiben. Ermittler entdeckten hohe Bargeldsummen, mit denen mutmaßlich auch Unterstützervereine finanziert wurden. Noch ist das Verbot nicht rechtskräftig, doch die Szene gilt als geschwächt.

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Der CDU-Politiker und Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph de Vries, hebt hervor: „Wenn der Sturz des Regimes gelingt, wird dies auch die schiitisch-islamistischen Strukturen in Deutschland entscheidend schwächen, deren größte Unterstützer in Teheran sitzen.“ Bis dahin gelte mit Blick auf die Sicherheit und den Schutz jüdischer, israelischer und amerikanischer Einrichtungen in Deutschland, „weiterhin äußerst wachsam zu sein“.

Wenn Institutionen und Netzwerke dezimiert sind, ist der Fokus auf Einzeltäter wie Ali S. umso relevanter. Der iranische Geheimdienst könnte seine Taktik ändern, zunehmend Sympathisanten für Aktionen in Deutschland anwerben. Russland, dessen Botschaftspersonal seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine massiv reduziert wurde, setzt genau darauf: Rekrutierung von sogenannten „Low-Level-Agenten“.

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