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⇱ Angriff gegen Iran eint Israelis: „Dieser Krieg hat mit Bibi nichts zu tun“


Funke Mediengruppe
„Gab keine andere Wahl“

Angriff gegen Iran eint Israelis: „Dieser Krieg hat mit Bibi nichts zu tun“

Tel Aviv. Iranische Raketen treffen auf Tel Aviv – doch selbst Kritiker von Israels Premierminister Netanjahu stehen hinter dem Krieg im Iran. Warum?
Von Maria Sterkl
Eskalation in Nahhost: USA und Israel melden Tausende Angriffe auf Ziele im Iran

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Vom zweiten Stock ruft eine fremde Frau auf die Straße herunter: „Du da, rufst du mich mal kurz an?“ Erst bin ich mir nicht sicher, aber die Frau meint tatsächlich mich. „Das ist meine Nummer“, sagt sie und beginnt, sie mir anzusagen. „Ich hab nämlich mein Handy hier irgendwo verloren.“

Wir sind im Zentrum von Tel Aviv, überall auf der Straße liegen Scherben. Die Frau im zweiten Stock war ein paar Tage lang nicht in ihrer Wohnung. Seit die Rakete am vergangenen Samstag in das Viertel eingeschlagen war und 40 Häuser beschädigt hat, lebt sie im Hotel. Heute ist sie aber hierhergekommen, um ein paar Dinge abzuholen, Scherben aufzukehren, ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen. Dabei ging das Handy verloren.

Ich lasse es läuten, nichts passiert. Mehrmals versuchen wir es, erfolglos. Die Frau kommt die Treppe heruntergelaufen. „Probieren wir es hier“, sagt sie, und öffnet die Mülltonne. Vielleicht hat sie das Telefon mitsamt all dem Schutt weggeworfen?

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Tel Aviv bleibt nach Raketenangriffen wie ausgestorben

Nichts ist hier, wie es war. Der Einschlag vom 28. Februar hat das Viertel aufgewirbelt, aber auch ganz Israel: Der Angriff hat die erste Tote in diesem Krieg gefordert – eine 32-jährige philippinische Pflegerin. Mindestens 27 Menschen wurden bei dem direkten Einschlag einer ballistischen Rakete aus dem Iran verletzt.

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Es ist ein belebtes, hippes Viertel. Heute sind die Straßen hier fast so leer wie in der Pandemie. Niemand will sich allzu weit vom nächsten Bunker entfernen. Wer sich den Einkauf oder das Essen nicht nach Hause liefern lässt, geht oft zum Laden ums Eck, anstatt sich den weiteren Weg zum billigeren Supermarkt anzutun. Zwar ist es nun stiller als in den Tagen zuvor. Doch niemand will der Ruhe trauen. Tel Aviv ist das Zentrum der Raketenangriffe. Nirgends werden die Menschen so oft von den Alarmsirenen in den Bunker getrieben wie hier. Frühmorgens, spätabends, mitten in der Nacht.

Der Angriff im Iran hat auch unter linken Israelis viele Fans

Hier, im Viertel des Einschlags, spürt man die Folgen des Raketenangriffs in der Nase. Feiner Staub liegt in der Luft, es riecht leicht verbrannt. Unter den Schuhsohlen knirschen die Scherben. Auf der Straße sind Gegenstände verstreut: ein Kinder-Trinkbecher, Bücher, eine Plastikflasche Bratöl. Mitten im Geröll liegt ein Plakat mit einem Foto von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Es ist ein Schwarz-Weiß-Bild, mit starken Kontrasten, der Politiker sieht wie ein gesuchter Einbrecher aus. „Diese Regierung reißt das Volk entzwei“, steht darauf in großen Buchstaben.

Zwischen dem Geröll liegt ein Schwarz-Weiß-Bild von Benjamin Netanjahu. „Diese Regierung reißt das Volk entzwei“ steht auf Hebräisch neben dem Foto. © Maria Sterkl

Kaum jemand in diesem Viertel wählt rechts. Würde sich Netanjahu auf der Straße sehen lassen, würde man ihn mit Flüchen vertreiben. Und dennoch findet man hier niemanden, der den Krieg, den Netanjahu mit US-Präsident Donald Trump begonnen hat, kritisch sieht. Im Gegenteil. Der Angriff im Iran hat auch unter Linken viele Fans.

Menschen im Krieg: Bunker-Alltag und Kritik an Israels Regierung

„Es ist höchste Zeit, dass dieses Terrorregime verschwindet“, sagt Tom, ein 35-jähriger Sozialarbeiter, der seinen Sohn zu einem Nachmittagsspieltreffen in Bunkernähe begleitet. „Ich hoffe es noch mehr für die Menschen im Iran als für uns selbst“, sagt er. Tom betont, dass er von „Bibi“, wie man Netanjahu in Israel nennt, überhaupt nichts hält. „Aber dieser Krieg hat mit Bibi nichts zu tun.“

Die 62-jährige Avia war zum Zeitpunkt des Einschlags in einem öffentlichen Bunker in der Nähe. Als sie zurück nach Hause kam, „waren alle meine Fenster aus den Angeln gehoben“. Sie ist kriegsroutiniert, die ständigen Angriffe machen ihr keine Angst mehr. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt sie. Nur an diese Regierung will sie sich nicht gewöhnen.

Das Haus von Juristin Avia wurde während der Angriffe beschädigt. © Maria Sterkl

„Ich war bis jetzt bei fast jeder Demonstration dabei“, sagt sie. „Ich habe Netanjahu nie gewählt und werde es auch nie tun, niemals. Ich halte ihn für gefährlich“, sagt die Juristin. Dass er den Iran angegriffen hat, findet sie hingegen gut. „Es gab keine andere Wahl als anzugreifen“, sagt sie. „Sie haben diese Raketen, und so können wir nicht leben.“

Große Mehrheit der Israelis befürwortet Krieg gegen den Iran

Laut einer aktuellen Erhebung des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) unterstützen 81 Prozent der Israelis den Krieg im Iran. Unter den Netanjahu-Gegnern sind es immerhin 77 Prozent.

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Oren, ein 32-jähriger Psychologe, der ebenfalls im Zentrum Tel Avivs wohnt, erklärt, warum. „Diese Angst vor dem Iran begleitet uns seit Jahrzehnten“, sagt er. „Seit so langer Zeit arbeiten sie an Atomwaffen, und es sieht so aus, als würde sie nichts davon abhalten, wenn nicht wir sie daran hindern.“

Oren ist selbst ein Befürworter dieses Kriegs. „Im Gaza-Krieg“, sagt er, „war es viel komplizierter.“ Kurz nach dem 7. Oktober unterstützte er die Operation im Gazastreifen. „Später hat sich das geändert und ich war sehr kritisch. Ich glaube, die Regierung hätte den Krieg in Gaza viel früher beenden können.“ Dass sie es nicht tat, lag daran, dass sich Netanjahu weiter an der Macht halten wollte, glaubt er.

Israelis besorgt: Netanjahu könnte Krieg für Wahlkampf nutzen

Dass dieses Kalkül auch jetzt eine Rolle spielt, halten auch in Tel Aviv einige für möglich. Es ändert jedoch nichts an ihrer Unterstützung für den Krieg.

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„Viele befürchten jetzt, dass der Krieg Netanjahu helfen wird, in der Öffentlichkeit zu punkten, vielleicht sogar die Wahl zu gewinnen“, sagt Avia. Die Juristin glaubt, dass Netanjahu die für den Herbst geplante Parlamentswahl vorverlegen wird. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir früher wählen werden – nur damit Netanjahu aus dem Krieg Kapital schlagen kann.“ Wenn es so weit ist, weiß Avia, was sie tun wird: „Demonstrieren.“

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