Propagandainstrument des Regimes: „Fußball ist Politik, Fußball ist Macht“
Die iranischen Fußballerinnen sind bei der diesjährigen Asienmeisterschaft früh ausgeschieden. Nach drei Spielen lautet die sportliche Bilanz: drei Niederlagen, neun Gegentore und das Vorrundenaus. Trotzdem stand die Mannschaft weltweit in den Schlagzeilen – nicht wegen Toren, sondern wegen eines stillen Protests am Anfang des Asian Cups.
Ein Rückblick: Am 2. März, zwei Tage nach dem Tod von Irans oberstem Führer Ajatollah Ali Chamenei, erklangen beim ersten Gruppenspiel gegen Südkorea die Töne der iranischen Nationalhymne. Doch die iranischen Fußballerinnen sangen nicht mit. Die Folge: Die Sportlerinnen wurden im iranischen Staatsfernsehen als „Verräterinnen“ bezeichnet, und es wurden harte Strafen gefordert.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
Beim zweiten Vorrundenspiel gegen Australien, am 8. März, salutierten dann die Spielerinnen und sangen die Hymne mit. Woher kam aber der Sinneswandel? „Die iranische Revolutionsgarde (IRGC) kontrolliert im Iran nicht nur das Militär und große Teile der Wirtschaft, sondern auch den Sport, überwiegend den Fußball“, sagt Saba Shakalio. Die Sportwissenschaftlerin von der Universität Wuppertal stammt selbst aus dem Iran und ist im Alter von 20 Jahren nach Deutschland gekommen.
Iranische Fußballerinnen: Staatsfernsehen bezeichnete sie als „Verräter“
Über das aktuelle Vorgehen bei der iranischen Nationalmannschaft sei sie nicht überrascht: „Die Vorsitzenden vieler Sport- und Fußballverbände sind Anhänger oder ehemalige Mitglieder der IRGC.“ So sei auch bei den internationalen Einsätzen iranischer Teams oft jemand aus dem Umfeld der Revolutionsgarden dabei, um die Situation zu kontrollieren. Das soll auch bei der Frauennationalmannschaft in Australien der Fall sein. Nach Einschätzung von Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International sind die Sportlerinnen und deren Familien bedroht.
Auf der Plattform X rief nun Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schah Reza Pahlavi, aus dem Exil in den USA die australische Regierung dazu auf, die Sportlerinnen zu schützen, die bei ihrer Rückkehr in den Iran mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen müssten. Pahlavi wird als Kandidat für eine Übergangsregierung gehandelt.
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Tatsächlich ist die Angst der Spielerinnen groß: Nach dem dritten Spiel am 8. März und dem Ausscheiden der iranischen Nationalmannschaft sollen Mitglieder der iranischen Frauenfußballnationalmannschaft dabei gesehen worden sein, wie sie ein internationales SOS-Handzeichen aus dem Teambus machten. Die Folge: Australien bot allen Spielerinnen Schutz an, sieben Frauen entschieden sich zunächst für ein Leben im Exil.
Iranische Spielerinnen kehren zurück – zwei starten Neuanfang in Australien
Inzwischen, Mitte März, sieht die Lage schon wieder anders aus: Vier Sportlerinnen, darunter die Kapitänin des Teams, sowie eine Betreuerin, zogen ihren Asylantrag wieder zurück. Sie wollten zurückreisen in ihre Heimat. Die zwei verbliebenen Fußballerinnen stehen mittlerweile wieder auf dem Rasen, jedoch nicht für den Iran, sondern für die australische A‑Liga-Frauenmannschaft des Brisbane Roar FC.
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„Warum die Anträge zurückgezogen wurden, ist bislang unklar“, sagt Shakalio. Es habe Hinweise darauf gegeben, dass Vertreter der IRGC direkten Kontakt zu Spielerinnen aufgenommen haben sollen. Dabei sollen unter anderem Videos ihrer Familien gezeigt worden sein. „Das könnte auf einen erheblichen Druck hindeuten“, sagt die Sportwissenschaftlerin.
Am Dienstagabend sei nun ein Teil der Spielerinnen wieder im Iran angekommen. Aber selbst diese Rückkehr sei laut Shakalio propagandistisch inszeniert worden – „Die Spielerinnen wurden öffentlich als ‚Heldinnen‘ dargestellt.“ Aus ihrer Sicht ist es wahrscheinlich, dass schon bald öffentliche Stellungnahmen oder Interviews folgen werden, in denen die Spielerinnen ihre Rückkehr rechtfertigen oder ihre ursprünglichen Asylentscheidungen relativieren.
Frauenfußball im Iran: Propagandainstrument des Regimes
Der Umgang mit den Fußballerinnen steht nicht isoliert da, sondern fügt sich in ein Muster der Repression gegen Sportlerinnen im Iran. Er zeigt: Sport ist politisch. „Das ist gut für die Propagandamaschine. Das Regime will zeigen, dass die Frauen in der Freiheit leben, deswegen gibt es auch eine iranische Nationalmannschaft“, sagt Shakalio. Vor Ort hat das Leben der Frauen mit Freiheit wenig zu tun. „Während der Proteste im Januar wurden unzählige Athletinnen, aber auch Athleten festgenommen und einige auch leider erschossen“, sagt die Sportwissenschaftlerin. Dazu zählt ihr zufolge unter anderem die iranische Fußballspielerin Zahra Azadpour. Andere Fußballerinnen weigerten sich daraufhin aus Protest, weiter für die Nationalmannschaft zu spielen.
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Bei den Protesten im Iran Anfang des Jahres sind nach Angaben verschiedener Menschenrechtsorganisationen mehr als 10.000 Personen getötet worden. Eine genaue Zahl sei aufgrund der schwierigen Informationslage nicht auszumachen. Das gilt auch für die vielen Festnahmen. Seit den Anfängen der Aufstände ist das Internet regelmäßig unterbrochen. „Wir haben kaum Kontakt im Iran. Das Internet ist seit einer Woche komplett abgeschaltet“, sagt sie.
Fifa drohte Iran: Aufhebung des Fußballstadienverbots für Frauen
Bereits 2022 sorgte die iranische Sportkletterin Elnaz Rekabi international für Aufmerksamkeit. Als Reaktion auf die im Iran und weltweit stattfindenden Demonstrationen der „Frauen, Leben, Freiheit“-Bewegung infolge der Tötung von Jina Mahsa Amini startete sie bei der Asienmeisterschaft ohne Hidschab.
Fußball ist Politik, Fußball ist Macht – und die nutzt der Iran aus.
Saba Shakalio,, iranische Sportwissenschaftlerin an der Universität Wuppertal
Die Unterdrückung von Frauen durch die IRGC habe auch Shakalio als Sportlerin erlebt. „Ich selbst hatte als Jugendliche den Traum, Fußballspielerin zu werden.“ In ihrer Heimatstadt Teheran sei das jedoch nicht möglich gewesen. Im Iran gab es zu ihrer Zeit nur „Futsal“ – also Fußball in der Halle.
Die Einschränkungen gingen so weit, dass im Iran seit der islamischen Revolution 1979 ein fast vollständiges Fußballstadionverbot für Frauen herrschte. Nachdem die Fifa 2019 mit dem Ausschluss von der WM 2022 in Katar gedroht hatte, lenkten die Mullahs offiziell ein und erlaubten Frauen den Stadionbesuch. Das entspreche laut Shakalio jedoch nicht der Wahrheit: „Mittlerweile werden Frauen nicht mehr in das Stadion gelassen, mit der Begründung, dass es nicht genug weibliche Sicherheitskräfte gibt.“
Sportwissenschaftlerin: „Fußball ist Politik, Fußball ist Macht – und die nutzt der Iran aus.“
Heutzutage gebe es zwar auch eine iranische Frauenfußballliga, diese werde jedoch eingeschränkt: „Die Spiele finden außerhalb der Stadt statt. Sie lassen keine Zuschauer zu, und die Regierung achtet darauf, dass kein Spiel aufgenommen wird und in den sozialen Medien landet“, sagt Shakalio. Zudem seien die Spielerinnen gezwungen, einen Hidschab zu tragen. „Die Teilnahme an den Wettbewerben ist für die Frauen ansonsten nicht erlaubt.“
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Aus diesem Grund darf die iranische Frauennationalmannschaft nur unter strengen Regeln bei den Asienmeisterschaften an den Start gehen. Damit sei es für Frauen nicht wirklich möglich, eine sportliche Karriere zu beginnen. So erlauben die Machthaber zwar einerseits den Frauenfußball, andererseits sind sie laut Shakalio damit Teil der Propaganda. Deswegen steht für die Sportwissenschaftlerin fest: „Fußball ist Politik, Fußball ist Macht – und die nutzt der Iran aus.“
