Stimmen aus dem Iran: „Hauptsache, der Krieg geht weiter und das Regime fällt“
Ein israelischer Angriff tötete führende Köpfe rund um das Regime in Teheran, darunter unter anderem Sicherheitsschef Ali Laridschani. Das bestätigte das Regime im Iran am Dienstag. Zuvor hatten die Bomben bereits Ali Chamenei getötet, den obersten Führer der Islamischen Republik. Sie verfehlten ihr Ziel, eine Militäranlage, und trafen stattdessen eine Mädchenschule im Herzen von Teheran. Öldepots brennen, der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ist zum Erliegen gekommen, die Ölpreise explodieren.
Es ist die dritte Woche des Feldzuges, den Donald Trump und Benjamin Netanjahu gegen das Regime im Iran führen. Was die genauen Kriegsziele sind – das Ende des Atomprogramms und/oder das Ende der Mullahs – ist unklar. Ebenso, was der Krieg für die Menschen im Land bedeutet. Wie gehen sie mit dem Krieg um? Wie ist der Alltag? Trotz Internetsperren konnte diese Redaktion über Exiliraner Kontakt zu den Menschen aufbauen. Was sie eint: Sie begrüßen den Krieg und hoffen, dass er ein Ende der verhassten Mullah-Herrschaft mit sich bringt. Und doch haben sie große Angst vor dem, was nach den Bomben kommt.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Der Alltag ist erstaunlich normal, zumindest auf den ersten Blick. Vor allem in den Provinzen spürten die Menschen kaum etwas vom Krieg, sagt Shabnam Fahimi-Weber (55). Die Restaurants seien geöffnet, die Geschäfte auch. Die Essener Ärztin flüchtete als Kind mit ihrer Familie aus Teheran. Sie unterstützt über die Organisation Parsimed Kolleginnen und Kollegen im Iran. Sobald Verbindungen über Starlink zustande kommen, schicken ihr Kontaktpersonen SMS und Sprachnachrichten. In der Hauptstadt sei die Lage allerdings angespannter. So seien die Lebensmittel rationiert. „Wenn man drei Fische kaufen will, bekommt man nur zwei“, zitiert Fahimi-Weber ihre Kontaktpersonen. Die Straßenhändler seien nach wie vor da, doch sie nutzten den Krieg aus, um die Preise kräftig anzuziehen. „Sie entscheiden ad hoc, was etwas kostet.“ Benzin sei für viele unerschwinglich geworden.
Exil-Iranerin: Viele Menschen im Iran „danken Trump und Netanjahu“
Der Alltag habe sich auch für die Kinder verändert: Die Schule sei in der Metropole freiwillig, aber niemand schicke seine Kinder hin, berichtet die Sportwissenschaftlerin Saba Shakalio, die im Alter von 20 Jahren nach Deutschland kam. Mittlerweile fällt der Unterricht ganz aus. „Es gab wohl für einen kurzen Zeitraum von etwa zwei Tagen ein Programm – die ‚Shad‘-App. Darüber wurde der Unterricht virtuell per App organisiert.“ Das sei jedoch nicht mehr möglich, da das Internet im Iran abgestellt sei. „Soweit ich weiß, wurde direkt am ersten Tag, als der Krieg begann, schon um halb zehn Uhr morgens bekannt gegeben, dass die Schulen geschlossen werden.“ Freunde von ihr, seien sofort losgefahren, um ihre Kinder von der Schule abzuholen.
Doch nicht nur die Schule ist zum Erliegen gekommen, auch der Austausch mit Verwandten ist schwierig. „Alle zwei Tage habe ich die Möglichkeit, mit meinen Verwandten zu sprechen. Leider reißen nach 20 oder 30 Sekunden die Gespräche ab“, erzählt Shamsi Karami, eine Exil-Iranerin aus dem Ruhrgebiet. Sie protestierte als junge Frau in Teheran gegen den Schah und floh dann 1984 mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Kindern vor den Mullahs nach Deutschland. 2022 reiste sie in den Iran, um die Frauen-Leben-Freiheit-Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini zu unterstützen.
Jeder, der mir schreibt, berichtet von Drohparolen auf den Straßen.
Dr. Shabnam Fahimi-Weber, Die Essener Ärztin unterstützt Mediziner im Iran.
Heute ist die 73-Jährige eine Anhängerin des Schah-Sohnes Reza Pahlavi, den sich viele Menschen als Kopf einer Übergangsregierung wünschen. Sie hält zu ihren Verwandten, ihren Cousins, Kontakt über das Festnetztelefon. Was sie höre: Viele Menschen im Iran seien glücklich über den Krieg. Endlich passiere etwas. „Sie danken Trump und Netanjahu, sie sagen, sie sollen bitte nicht aufhören mit dem Krieg, bis die Machtzentralen zerstört sind.“
Ähnliches hört Shabnam Fahimi-Weber. Hinter diesem Wunsch stecke aber auch die pure Angst: „Jeder, der mir schreibt, berichtet von Drohparolen auf den Straßen wie: ‚Wenn ihr euch bewegt, seid ihr dran. Unsere Finger sind an den Schusswaffen‘.“ Menschen würden persönlich per SMS angeschrieben mit Äußerungen wie: „Wir beobachten dich. Wir haben dich im Blick.“
Es ist still auf den Straßen. Und es wächst die Angst vor der Rache der Mullahs
Was das bedeuten kann, haben die Menschen im Iran am 8. und 9. Januar dieses Jahres erlebt. Nach Massenprotesten kam es zu massenhaften Hinrichtungen, Erschießungen und Verschleppungen. Menschenrechtsorganisationen sprachen von Zehntausenden Toten.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
„Diese Nachrichten bestürzen mich sehr“, sagt Shabnam Fahimi-Weber. Doch sie spüre auch eine große Hoffnung. „Ich soll mir keine Sorgen machen, schreiben sie mir. ‚Hauptsache, der Krieg geht weiter und das Regime fällt‘: Dieser Satz fällt beinahe bei jeder Nachricht.“
„Es ist ein wenig wie in der Pandemie: Die Leute bleiben zu Hause, wenn es eben geht.“
So erlebt es auch die Sportwissenschaftlerin Saba Shakalio: „Mein Vater erreicht mich über das Festnetz und dann auch nur für 30 Sekunden.“ Es herrsche Angst bei ihren Verwandten, sagt Shakalio, davor, dass ‚der Krieg ohne Erfolg, ohne einen Regimesturz, endet‘. Es ist keine Angst vor dem Krieg, sondern vor einer Bedrohung im Hintergrund – den Mullahs. Damit niemand diese Bedrohung vergisst, zeigen Plakate mit Ferngläsern ausgestattete Mullahs.
Shabnam Fahimi-Weber bezeichnet ihre Kontaktpersonen als normale Leute, keine Politiker, sondern Patienten, Apothekerinnen, Pfleger und Ärztinnen. „Die sagen, was im Fernsehen über den Krieg berichtet wird, seien alles Lügen.“ Etwa, dass es zu wenig zu essen gebe. Dass nun viele Menschen völlig verarmt seien. „Es werden Leute interviewt, die sagen, ihnen gehe es schlecht, sie hätten große Angst. Aber das bekomme ich nicht widergespiegelt.“ Allerdings sei es still geworden im Land. „Es ist ein wenig wie in der Pandemie: Die Leute bleiben zu Hause, wenn es eben geht.“
Die Menschen haben keine Angst vor dem Krieg. Sondern vor den Mullahs.
Saba Shakalio, Die Sportwissenschaftlerin kam im Alter von 20 Jahren nach Deutschland.
Statt Sirenen warnen tieffliegende US-Kampfflieger vor den Bomben
Nur in wenigen Momenten bricht diese Stille auf. An diesen Abenden funktioniert plötzlich das Internet, für ein paar Minuten. Genug Zeit für einen WhatsApp-Anruf, um zu sagen, dass man noch lebt, und um zu erzählen, wie sich dieser Krieg anfühlt, in dem es zwar Explosionen gibt, aber keine Warnsignale. Darüber hinaus ist der Kontakt untereinander kaum möglich. Denn anders als Festnetztelefonate ins Ausland sind auch Inlandsgespräche gekappt. „Sie können nicht ihre Geschwister anrufen oder ihre Freunde“, sagt die Essener Ärztin Shabnam Fahimi-Weber.
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Was auch zur Unsicherheit beiträgt: Es gibt offenbar weder Warnungen vor Luftangriffen noch Schutzräume. Das berichtet Roya Hedayati, die für ihr Studium nach Deutschland kam und heute als Journalistin in Thüringen arbeitet. Ihre Schwester ist noch im Iran. Hedayati konnte mit ihr über WhatsApp telefonieren. „Die Menschen vor Ort wissen nie genau, wann der nächste Angriff kommt“, sagt sie.
Eine Art Frühwarnsystem gebe es trotzdem – durch die Kampfflugzeuge der USA: „Sie fliegen zunächst in sehr niedriger Höhe über das Gebiet und greifen dann erst nach zwei oder drei Überflügen an“, sagt Hedayati. So lernten die Menschen, die Flugmuster zu lesen. Selbst ohne Internet, ohne Satellit, ohne Zugriff auf die Warnungen sei ihnen klar: Wenn die Flugzeuge immer wieder niedrig fliegen, bleibt nicht mehr viel Zeit.
Die Milizen kontrollieren die Handys der Bevölkerung
Die Bedrohungen des Regimes kennt auch Behnaz Emami, Studentin aus Hamburg. „Die Revolutionsgarden kontrollieren die Handys der Iraner und Iranerinnen“, sagt sie. Emami kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Der Kontakt zu ihren Eltern ist seit dem Krieg zum Erliegen gekommen. „Es soll ihnen aber gut gehen“, sagt sie. Zumindest habe sie das von anderen Kontakten gehört, zu denen sie jetzt nichts sagen will. Denn sie riskiert auch von Deutschland aus viel mit ihrer Offenheit. Vor Ort würden einige Leute VPN‑Verbindungen zu einem sehr hohen Preis verkaufen. „Es besteht immer das Risiko, dass die Islamische Republik auch diese Verbindungen kontrolliert.“
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Auch wenn sie keinen Kontakt hat zu ihrer Familie, löst der Angriff Hoffnung bei Behnaz Emami aus. „Endlich kümmert sich jemand um uns.“ Der Krieg sei die Chance auf den Sturz des Regimes und auf die Freiheit. Tatsächlich stimme sie der Krieg positiv – obwohl die Familie in Gefahr ist. „Ich riskiere mein Leben und das meiner Familie für die Freiheit des Irans.“
