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Öl und Gas

Iran-Krieg: Warum der hohe Ölpreis jetzt Lebensmittel in Deutschland teurer macht

Berlin. Experten warnen wegen Krieg im Iran vor neuer Inflation hierzulande. Was das für den Einkauf im Supermarkt, Bahntickets und Jobs bedeutet.
Von Nina Noire Kugler, Redakteurin im Ressort Wirtschaft/Politik
Ölpreis explodiert: Iran-Krieg treibt Energiepreise hoch

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Verbraucher und Anleger blicken gleichermaßen weiterhin mit bangem Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten. Der Iran-Krieg tobt weiter, der Ölpreis erreichte zwischenzeitlich ein Vier-Jahres-Hoch. Experten sind sich sicher: Das wird auch Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Kaufverhalten hierzulande haben. Sie warnen vor einer neuen Inflation. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie entwickeln sich die Ölpreise?

Der Ölpreis hatte am Montag das erste Mal seit Jahren wieder den Sprung über die kritische Marke von 100 US-Dollar gemacht. Damit kletterte der Preis für die Referenzsorte des Großteils der weltweit gehandelten Ölsorten auf den höchsten Stand seit dem Sommer 2022. Am Abend lag der Preis dann bei knapp 90 US-Dollar pro Fass. Seit dem Start des Iran-Kriegs vor etwas mehr als einer Woche beläuft sich das Plus auf fast 50 Prozent.

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Steigt auch der Gaspreis?

Ja. An der Börse in Amsterdam sprang die Notierung für den richtungsweisenden Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat zum Handelsbeginn um rund 30 Prozent auf 69,50 Euro je Megawattstunde (MWh) nach oben. Im frühen Handel ist der Preis wieder ein Stück weit zurückgefallen, auf 61,80 Euro. Das sind immer noch etwa 16 Prozent mehr als am Freitag. Mit dem aktuellen Preisanstieg hat sich europäisches Erdgas seit Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran vor mehr als einer Woche in etwa verdoppelt. Dies ist der stärkste Anstieg seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor vier Jahren. 

Warum sind die Märkte so gereizt?

Die internationalen Energiemärkte macht der Iran-Krieg nervös. Die Angst vor einer längeren Sperrung der Straße von Hormus bleibt ein bestimmendes Thema auf dem Ölmarkt. „Die Straße von Hormus ist faktisch blockiert. Durch dieses Nadelöhr laufen rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und LNG-Transporte sowie ein erheblicher Teil des globalen Handels mit Düngemitteln“, erklärt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman ist auch sehr wichtig für den Transport von Flüssiggas, etwa aus Katar. „Je länger die Blockade anhält, desto stärker werden die globalen Auswirkungen“, so Grimm.

Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Wie viel Öl bezieht Deutschland aus dem Nahen Osten?

Aus dem Nahen Osten bezog Deutschland im vergangenen Jahr 6,1 Prozent seiner Rohöllieferungen. Wichtigster Lieferant aus der Region war der Irak mit 3,1 Millionen Tonnen. Außerdem kam der Rohstoff aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus Saudi-Arabien und Israel. Andere Staaten des Nahen Ostens wie Oman, Katar, Kuwait oder Iran lieferten 2025 kein Rohöl nach Deutschland. Wichtigster Rohöllieferant für Deutschland ist Norwegen: 16,6 Prozent der gesamten Rohöleinfuhren kamen 2025 von dort. Danach folgten die Vereinigten Staaten (16,4 Prozent) und Libyen (13,8 Prozent).

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Wie teuer wird Tanken noch?

Ein Liter Super kostete am Montag 2,07 Euro im bundesweiten Durchschnitt, der Preis für einen Liter Diesel lag bei 2,14 Euro. Vor Beginn des Iran-Kriegs lag der Preis für Super bei 1,83 Euro pro Liter, der Preis für Diesel bei 1,75 Euro. „Die Preise können weiter steigen, solange Öl global knapp bleibt oder geopolitische Krisen anhalten“, sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und: „Die hohen Preise zeigen vor allem eines: Solange wir von Öl abhängig sind, bleiben Verbraucher den Preisschocks ausgeliefert.“

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Sollte man jetzt noch Heizöl kaufen oder warten?

„Niemand kann den Ölpreis zuverlässig vorhersagen“, sagt Kemfert. Sie rät aber dazu, Heizöl derzeit nur in kleinen Mengen zu kaufen. Und auch die Vorsitzende der Bundesverbraucherzentrale, Ramona Pop, sagt: „Jetzt schon Heizöl für den nächsten Winter zu kaufen, lohnt sich für Verbraucherinnen und Verbraucher in der Regel nicht.“ Da die Preise aktuell hoch seien, sollten Verbraucher mit dem Kauf von Heizöl besser abwarten, so ihr Rat. „Für Gaskunden kann ein Anbieterwechsel derzeit attraktiv sein: Neukundentarife sind weiterhin vergleichsweise günstig und bieten Haushalten gute Sparchancen“, sagt Pop.

Droht eine neue Inflation?

„Steigende Energiepreise wirken wie eine globale Steuer auf Wachstum. Die aktuellen Entwicklungen dürften daher die weltweiten Konjunkturaussichten spürbar eintrüben“, sagt Wirtschaftsweise Grimm. Ihre düstere Prognose: „Die Kombination aus Energie-, Transport- und Lebensmittelpreisschocks dürfte erneut Inflationsdruck erzeugen.“ Für Deutschland und Europa bedeute dies zunächst eine Phase erhöhter Unsicherheit – mit Risiken für Wachstum und Investitionen.

Timo Wollmershäuser, der Konjunkturchef des ifo-Instituts, sagt: „Wir gehen derzeit von einem Anstieg der Inflationsrate auf knapp 2,5 Prozent aus, wenn die Öl- und Gaspreise innerhalb der nächsten Wochen wieder sinken.“ Die Inflationsrate lag im Februar bei 1,9 Prozent. Auch Wollmershäuser rechnet zudem mit einem niedrigeren Wirtschaftswachstum für Deutschland: „Dieser kurzfristige Energiepreisanstieg würde das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr gegenüber Vorkriegs-Schätzungen um rund 0,2 Prozentpunkte verlangsamen, sodass wir mit einem Wachstum von 0,8 Prozent in diesem und 1,2 Prozent im nächsten Jahr rechnen.“

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Sollten die Preise für fossile Energie allerdings für einen längeren Zeitraum stark erhöht auf dem heutigen Niveau bleiben, könnte die Inflation in der Spitze bis auf knapp 3 Prozent steigen, so Wollmershäuser. „Dies würde das Wachstum um weitere 0,2 Prozentpunkte auf nur noch 0,6 Prozent in diesem Jahr und um 0,4 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent im kommenden Jahr bremsen.“ Auch Kemfert sagt: „Steigende Öl- und Gaspreise können die Inflation wieder antreiben, weil sie viele Produktions- und Transportkosten erhöhen.“

Steigen die Preise im Supermarkt wieder?

Teilweise ja, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung. „Wenn Energie und Transport teurer werden, schlägt sich das früher oder später auch in den Lebensmittelpreisen nieder“, so Kemfert. Grimm verweist darauf, dass auch die globalen Preise für Düngemittel steigen werden – denn auch diese müssen durch die Straße von Hormus transportiert werden. „Engpässe bei Düngemitteln wirken zeitverzögert. Steigende Preise werden die Lebensmittelkosten erhöhen – mit besonders gravierenden Folgen für viele Länder des globalen Südens“, sagt sie.

Leichte Entwarnung kommt jedoch von Deutschlands oberster Verbraucherschützerin. Pop sagt: „Von einer neuen Inflationswelle im Lebensmittelbereich zu sprechen, wäre verfrüht.“ Die Versorgung sei derzeit gesichert, die Lieferketten seien weitgehend stabil. Pop schränkt aber ein: „Mittel- bis langfristig könnten hohe Sprit‑ und Düngerpreise vor allem einzelne verarbeitete Produkte verteuern.“ Sie fordert daher die Bundesregierung auf, für mehr Transparenz in der Preisbildung bei Lebensmitteln zu sorgen. „So können mögliche Kostentreiber frühzeitig erkannt und gezielt angegangen werden.“

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Werden Flüge teurer?

„Wenn Kerosin teurer wird, steigen meist auch Flugpreise“, sagt Kemfert. Schließlich gehören die Treibstoffkosten zu den größten Kostenblöcken beim Betrieb eines Flugzeugs. Steigen sie, werden die Fluggesellschaften versuchen, zumindest einen Teil davon an die Kunden weiterzureichen.

Werden Bahntickets teurer?

Nicht zwingend, denn der Bahnverkehr ist deutlich energieeffizienter und weniger vom Ölpreis abhängig als beispielsweise Flugzeuge. Kemfert fordert daher: „Die Politik sollte jetzt das Deutschlandticket sichern und günstiger machen, klimafreundliche Mobilität muss die preiswerte Alternative sein.“

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Welche Arbeitsplätze sind bedroht?

„Vor allem energieintensive Industrien geraten unter Druck“, sagt Kemfert. Dazu gehören beispielsweise die Chemie- und Stahlindustrie, aber auch die Aluminium- und Metallproduktion. Wegen steigender Diesel- und Kerosinpreise kann auch die Logistik- und Transport-Branche unter Druck geraten.

Braucht es jetzt eine Energiepreis-Bremse?

Hier sind die Expertinnen zurückhaltend. „Pauschale Preisbremsen sind teuer und oft ineffizient“, sagt Kemfert. Und auch Pop meint: „Wie sich die Lage im Nahen Osten langfristig auf die Energiepreise auswirkt, ist derzeit noch völlig offen. Für staatliche Eingriffe ist es daher noch zu früh.“ Deutschlands oberste Verbraucherschützerin sieht das Bundeskartellamt in der Pflicht, die Preisentwicklung nun ganz genau zu beobachten und zu „prüfen, ob die aktuellen Preissprünge sachlich gedeckt sind“. Beide Expertinnen fordern von der Politik einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien, um von fossilen Energien und Lieferanten unabhängig zu werden.

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