Teurer Diesel, teurer Dünger: Was macht der Iran-Krieg mit unseren Lebensmitteln?
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Der Krieg im Iran ist auch auf deutschen Feldern spürbar: Denn um die Traktoren und Mähdrescher anzuschmeißen, wird Diesel benötigt – doch der Kraftstoffpreis steigt seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran an. Aber nicht nur die für alle spürbar angestiegenen Spritpreise machen den Landwirten zu schaffen. Weltweit rückt allmählich noch ein anderes Gut in den Vordergrund: Dünger. „Diese können bis zu einem Fünftel der Gesamtbetriebskosten beim Anbau von Getreide ausmachen und sind damit ein entscheidender Kostenfaktor für landwirtschaftliche Betriebe“, sagt Philipp Spinne, Geschäftsführer Deutscher Raiffeisenverband (DRV).
Auch wenn bisher noch keine konkreten Bedenken vonseiten der Landwirte geäußert wurden, zeigt ein Blick auf die aktuelle Lage mögliche Grenzen der Versorgung auf. Am Ende könnte das alle treffen – auch die Bevölkerung an der Supermarktkasse. Aber wie kann ein Krieg, der mehr als 3000 Kilometer entfernt ist, so starke Auswirkungen auf Kraftstoffe, deutsche Höfe und Supermarktpreise haben? Der Hauptgrund ist der Schifffahrtsverkehr im Nahen Osten. „Die Straße von Hormus ist faktisch blockiert. Durch dieses Nadelöhr laufen rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und LNG-Transporte sowie ein erheblicher Teil des globalen Handels mit Düngemitteln“, erklärt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm.
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Nadelöhr Straße von Hormus: Wenn die Weltwirtschaft ins Stocken gerät
Deutschland selbst ist erst einmal davon nicht sofort betroffen. Die direkte Öl- und Gasabhängigkeit von der Golfregion wurde in den vergangenen Jahren reduziert. Mit der Folge, dass die Bundesrepublik heute viel Öl und LNG aus den USA, Norwegen und den Niederlanden bezieht. Aber: Global steigende Rohstoffpreise schlagen trotzdem durch – über die Weltmärkte.
Denn: „Im Nahen Osten werden 15 Prozent des Stoffes produziert. Allein 25 Prozent des weltweiten Handels mit Stickstoffdüngern laufen über die Straße von Hormus“, teilt der Bayerische Bauernverband mit. Aktuell würden Preisaufschläge für Stickstoffdünger zwischen zehn und dreißig Euro pro Tonne verlangt. Unmittelbar an den Energiepreisen hängt leider auch der Preis für Stickstoffdünger, heißt es vom Bayerischen Bauernverband.
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Bedenken gibt es deswegen schon jetzt: „Die Landwirtschaft steht aktuell unter massivem Kostendruck, insbesondere durch stark gestiegene Preise für Diesel und Mineraldünger“, erklärt Fabian Blöchl, Referent für Acker- und Pflanzenbau beim Landesbauernverband Brandenburg. Die hohen Kosten stoßen ihm zufolge aktuell auf eine Phase mit besonders hohem Mitteleinsatz. „Allein von März bis Juni wird bis zu ein Drittel des jährlichen Dieselverbrauchs benötigt“, sagt Blöchl.
Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, sieht aber auch ein weiteres Problem für die Landwirtschaft: „Unsere Kosten für Betriebsmittel oder Energie steigen deutlich an, gleichzeitig haben wir bei den meisten landwirtschaftlichen Produkten Tiefstpreise.“ Die derzeitigen Mehrkosten könnten von den Landwirten nicht getragen werden. Blöchl sieht mögliche Preissteigerungen im Lebensmittelbereich als nicht realisierbar an. Denn einerseits ist der Stickstoffdünger, ein zentraler Kostenfaktor im Getreideanbau, laut ihm inzwischen um rund 30 Prozent teurer geworden. Andererseits sei der Weltmarktpreis für Getreide nicht entsprechend gestiegen. Wodurch höhere Erzeugerpreise derzeit schwer durchsetzbar seien.
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Hohe Energiekosten belasten darüber hinaus auch sehr stark energieintensive Unternehmen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. „Molkereien und Fleischverarbeiter leiden besonders unter den höheren Energiekosten für Pasteurisierung und Kühlung, ebenso wie Hersteller von Verpackungsmaterialien wie Glasflaschen“, sagt Philipp Spinne, Geschäftsführer DRV.
Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, fordert deswegen kurzfristig, die CO₂-Besteuerung beim Diesel für die Landwirtschaft und die gesamte Wirtschaft temporär auszusetzen. Der Hintergrund: „Die aktuellen Kostensteigerungen können von der Landwirtschaft schlichtweg nicht getragen werden“, sagt Rukwied. Zudem benötigen ihm zufolge die Landwirte höhere Erzeugerpreise für die Produkte, um die gestiegenen Kosten tragen zu können.
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„Wie stark sich der Krieg perspektivisch auf die Preise auswirken wird, hängt davon ab, wie lange er andauert und welche weiteren Veränderungen auf den internationalen Märkten eintreten“, sagt Spinne. Bauernpräsident Rukwied empfiehlt Verbrauchern deswegen, auf regional hergestellte Produkte zu setzen und sich damit unabhängiger von globalen Lieferketten zu machen. „Das stärkt die regionale Wirtschaft, unterstützt heimische Bauern und kann das Klima schonen.“
