Saudi-Arabien steht vor einer schweren Entscheidung
Für den saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ist es ein Albtraum. Am Dienstag wurde die US-Botschaft in der Hauptstadt Riad mit zwei Drohnen angegriffen. Dabei seien „ein begrenztes Feuer“ ausgebrochen und „geringer Sachschaden“ verursacht worden, sagte ein Sprecher des saudi-arabischen Verteidigungsministeriums. Zudem seien acht Drohnen nahe Riad und al-Chardsch abgeschossen worden. Am Montag zielten mutmaßlich iranische Drohnen auf die Raffinerie Ras Tanura, die der staatliche Ölkonzern Aramco betreibt. Zwei Flugkörper seien zerstört worden, hätten aber einen Brand ausgelöst, erklärte ein Ministeriumssprecher. Die Anlage Ras Tanura liegt in der ölreichen Ostprovinz. Mit einer Fördermenge von rund 550.000 Barrel pro Tag ist sie eine der größten Raffinerien des Landes.
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Für die Saudis wurden Erinnerungen an den September 2019 wach. Damals hatten Drohnenangriffe der mit Iran verbündeten schiitischen Houthi-Rebellen im Jemen gewaltige Schäden an saudi-arabischen Ölanlagen angerichtet. Der Weltmarktpreis für das „schwarze Gold“ war danach hochgeschossen.
Iran-Krieg: Golfstaaten könnten nach Mullah-Kalkül Druck auf die USA ausüben
Mit den neuesten Attacken ist der Krieg der USA und Israels gegen das iranische Regime näher an das saudische Königreich gerückt. „Iran will im Nahen Osten Chaos anrichten und die Region in den Krieg hineinziehen. Damit sollen die politischen und ökonomischen Kosten für Amerikaner und Israelis hochgeschraubt werden“, sagte der Nahost-Experte Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project, unserer Redaktion. „Die Iraner haben die Hoffnung, dass Saudi-Arabien und andere Golfstaaten Druck auf die USA und Israel ausüben, den Krieg einzustellen.“
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Die Angriffe auf die US-Botschaft in Riad und die Ölraffinerie Ras Tanura kommen dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman – auch unter dem Kürzel „MBS“ bekannt – höchst ungelegen. Sie kratzen an seinem Versprechen, die Sicherheit der eigenen Bürger, von Diplomaten sowie die Anlagen eines der größten Ölproduzenten der Welt zu schützen.
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Bei Bedarf gegen Iran zurückschlagen
Aber wird MBS nun aktiv in den Krieg eingreifen? Nach einem Bericht des US-Senders CNN hat der Kronprinz die saudischen Streitkräfte autorisiert, bei Bedarf gegen Iran zurückzuschlagen. Saudi-Arabien habe seinen eigenen Luftraum nicht für die Angriffe von Israel und den USA gegen Iran zur Verfügung gestellt, hieß es in einer Erklärung des saudischen Königshauses. Die Führung in Teheran habe dies gewusst und Saudi-Arabien trotzdem „feige“ angegriffen. Am Montag wurden die Drohungen aus Riad schärfer. Sollte die Islamische Republik den Ölkonzern Aramco angreifen, würde Saudi-Arabien die Öl-Anlagen Irans ins Visier nehmen, sagte eine nicht näher genannte Quelle der Nachrichtenagentur AFP.
Das sunnitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran sind seit Jahren erbitterte Rivalen um die regionalpolitische Vorherrschaft im Nahen Osten. Sie stritten auch um die Führungsrolle im Islam. Laut den 2010 veröffentlichten Wikileaks-Dokumenten soll der damalige saudische König Abdullah die USA zu einem Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm mit den Worten ermuntert haben: „Schlagt der Schlange den Kopf ab, bevor es zu spät ist.“ Im März 2023 kam es kurzzeitig zu einem Zwischenhoch, als Saudi-Arabien und Iran nach Jahren der Funkstille unter Vermittlung Chinas wieder diplomatische Beziehungen aufnahmen.
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Saudi-Arabien erlaubt wohl US-Nutzung von Militärbasen gegen Iran
Doch die Phase der politischen Aufhellung ist nun vorbei. Nach Angaben der „Washington Post“ hat MBS in den vergangenen Wochen mehrfach privat mit US-Präsident Donald Trump telefoniert. Er soll dabei für einen US-Angriff geworben haben, obwohl er öffentlich eine diplomatische Lösung unterstützte, schrieb die Zeitung. Laut dem amerikanischen Nachrichten-Portal „Axios“ sagte der saudi-arabische Verteidigungsminister Khalid bin Salman bei einem privaten Briefing in Washington: „Wenn Trump nicht zuschlägt, wird das Regime stärker.“
Dennoch bezweifeln Fachleute, dass sich Saudi-Arabien direkt an den amerikanisch-israelischen Militärschlägen beteiligt. „Eine aktive Einmischung des saudischen Militärs in den Krieg halte ich derzeit für unwahrscheinlich. Aber es ist damit zu rechnen, dass MBS den USA erlauben wird, die Militärbasen und den Luftraum seines Landes für den Krieg gegen Iran zu nutzen“, betont der Extremismusforscher Schindler. Die USA haben in Saudi-Arabien rund 2300 Soldaten stationiert, unter anderem rund 60 Kilometer südlich von Riad auf dem Luftwaffenstützpunkt „Prinz Sultan“.
Balanceakt für den Kronprinzen
Für den saudischen Kronprinzen ist das ein heikler Balanceakt. Einerseits hat er ein Interesse daran, dass Iran nachhaltig geschwächt wird. Dabei setzt er aber auf die militärische Potenz der Amerikaner und Israelis. Würde das Königreich selbst zur Kriegspartei, wäre es noch mehr im Fadenkreuz des iranischen Regimes, das um sein Überleben kämpft und offenbar von dem Glauben getrieben wird, nichts mehr zu verlieren zu haben.
Ein Flächenbrand im Nahen Osten wäre für MBS verheerend. Ein großer Krieg würde die Öl-Infrastruktur bedrohen, die den wirtschaftlichen Reichtum Saudi-Arabiens sichert. Der Kronprinz hat hochfliegende Ambitionen. Laut seiner „Vision 2030“ will er das Königreich in den kommenden Jahren auf die Zeit nach Öl und Gas vorbereiten. Solar- und Windenergie sowie Kernkraft sollen immer mehr Gewicht bekommen. MBS setzt auf internationale Investoren und Mega-Projekte wie die Fußball-Weltmeisterschaft 2034. Eine aus dem Ruder laufende Eskalation im Nahen Osten würde diese Pläne gefährden.
