Sie sollen Tod und Chaos bringen: Irans perfide Streubomben gegen Israel
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Der Iran setzt seine schweren Raketenangriffe auf Israel fort. Bei Einschlägen im Süden Israels wurden in der Nacht auf Sonntag 180 Menschen verletzt, acht davon schwer, darunter auch Kinder. Es waren „konventionelle Raketen“, die dabei eingesetzt wurden, sagt Armeesprecher Nadav Shoshani. Immer öfter setzt der Iran jedoch auch auf eine besonders gefährliche Waffenart: Streumunition.
Sie haben inzwischen zahlreiche Opfer gefordert: Ein 30-jähriger Mann erlitt am Mittwochmorgen in Zentralisrael so schwere Splitterverletzungen, dass Rettungskräfte nur noch seinen Tod feststellen konnten. Vier Palästinenserinnen kamen nahe Hebron im Westjordanland ums Leben, als sie eine Feier zum Ende des Ramadan vorbereiteten. In beiden Fällen war bald klar: Es waren iranische Streubomben, die die tödlichen Verletzungen verursacht hatten.
Anders als konventionelle Raketen enthalten sie Dutzende Submunitionen, die über einen Radius von einigen Kilometern herabfallen. Eine Rakete, die auf Tel Aviv abzielt, kann somit zu Einschlägen in den Städten im Umkreis führen.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
War es vor einer Woche noch jede zweite Rakete aus dem Iran, die solche Clustermunition enthielt, sind nun schon 70 Prozent der iranischen Raketen, die auf Israel abgefeuert werden, Geschütze mit Streubomben.
Der Einsatz von Streubomben gilt als Kriegsverbrechen
Warum das so ist, erklärt Tal Inbar, Experte für Raketen- und Raumfahrtprogramme in Tel Aviv. Es geht dem Iran darum, möglichst viele Zivilisten mit einem Schlag zu verletzen oder gar zu töten, aber auch darum, Unsicherheit zu verbreiten. „Es ist eine Methode, um auf möglichst großem Gebiet Schaden und Chaos zu verursachen“, sagt Inbar.
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Anders als die tonnenschweren ballistischen Raketen aus iranischer Produktion können diese einzelnen Bomben zwar nicht die Wände von Schutzräumen durchdringen. Für Menschen, die sich nicht in verstärkten Räumen aufhalten, können sie jedoch tödlich sein.
Der Einsatz von Streubomben gilt als Kriegsverbrechen. Seit dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine rückte diese Art der Kriegswaffe wieder stärker in den öffentlichen Fokus: Allein im Jahr 2024 sind laut Human Rights Watch weltweit 314 Menschen durch Streumunition verletzt oder getötet worden, ein Großteil davon in der Ukraine.
Die Trefferquote der Luftraumabwehr liegt nicht bei hundert Prozent
Die Streubomben, die vom Iran gegen Israel eingesetzt werden, seien nicht weniger gefährlich als jene der russischen Armee, sagt Inbar. Im Gegenteil: „Sie sind viel schwerer als die russischen Modelle und der Schaden, den sie verursachen, ist größer“, sagt Inbar. Eine einzelne Submunition sei rund 20 Kilogramm schwer und verfüge über die Kraft einer mittleren Mörsergranate.
Israels vielschichtige Raketenabwehr ist auf zahlreiche Szenarien vorbereitet. Der vermehrte Einsatz von Clusterbomben führt die israelische Defensive jedoch vor spezielle Herausforderungen. Das Gebiet, auf dem die Bomblets abfallen, ist nicht immer gleich groß. Die Reichweite der Streumunition hängt davon ab, in welcher Höhe sich der Container öffnet. Auch Windstärke und Windrichtung spielen eine wichtige Rolle, sagt Inbar.
Die Luftraumabwehr setzt gegen die iranischen Raketen den sogenannten Arrow-Schutzschild ein. Die Trefferquote ist hoch, liegt jedoch nicht bei hundert Prozent. Die Bomblets fallen dann ungebremst herab – im schlimmsten Fall auf dicht bewohntes Gebiet. Ein gewisser Prozentsatz dieser Streumunitionen explodiert nicht sofort, sondern zum Teil erst Monate später. Diese Blindgänger können daher auch nach dem Ende des Kriegs noch zu Verwundungen und Todesfällen führen.
Streubomben erschweren die Arbeit der Rettungskräfte
Selbst, wenn es gelingt, die Rakete mittels dem Arrow-Schutzschild abzufangen, können immer noch einzelne Submunitionen durchfallen und Schaden anrichten, sagt Inbar. Theoretisch wäre es zwar möglich, sie dann mittels dem Schutzschild Iron Dome abzufangen – das ist wegen der hohen Menge an Submunitionen aber oft nicht machbar. Der größte Teil der iranischen Clusterbomben enthalte 20 bis 40 Submunitionen. Es kommen aber auch schwerere Waffen zum Einsatz, die bis zu 80 Bomblets enthalten.
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Eine einzelne Rakete sorgt dann an vielen verschiedenen Orten für Einschläge. Für die Rettungskräfte in Israel ist das besonders herausfordernd, sagt Nadav Metzner, Sprecher des Roten Davidsterns. „Wenn ein großer Raketenangriff ein Gebäude zum Einsturz bringt, kann es sein, dass wir an einem einzigen Ort 20, 50 oder 70 Verletzte haben. Bei Streubomben sind viel mehr Orte beteiligt und wir müssen noch viel mehr Krankenwagen ausschicken. Das macht unsere Arbeit sehr, sehr anstrengend.“
In Israel führen die Streubomben zu weniger Opfern als in der Ukraine
Oft stellt sich heraus, dass es an Einschlagsorten gar keine Verletzten gibt. Nach einem Angriff dauert es aber eine Weile, bis sich die Rettungszentrale einen Überblick verschafft hat und weiß, wo Verletzte sind, sagt Metzner. „In den ersten Augenblicken herrscht großes Chaos.“
Im Vergleich zur Ukraine verursachen die Streubomben in Israel aber weniger Opfer. Das Land hat eine kleinere Fläche, weshalb eine kleinere Anzahl von Raketenabwehrwaffen reicht, um eine größere Anzahl von Menschen zu schützen. Zudem sind Israelis aufgrund der jahrzehntelangen Kriegserfahrung relativ diszipliniert, wenn es darum geht, die Anweisungen des Zivilschutzes im Ernstfall zu befolgen.
Dazu kommt, dass sich die Menschen aufgrund des ausgeklügelten Raketenwarnsystems rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Die Palästinenser im Westjordanland haben diese Möglichkeit nicht. Es fehlt dort an Frühwarnsystemen. Zwar haben manche, die in der Nähe von israelischen Siedlungen wohnen, die Handy-Apps der israelischen Warnsysteme abonniert und erfahren auf diese Weise von Alarmen in der näheren Umgebung. An vielen Orten im Westjordanland fehlt es aber an Schutzräumen, in denen die Menschen im Alarmfall Zuflucht suchen können.
