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⇱ Deutsches Fremdwörterbuch : "Tendenz"


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Deutsches Fremdwörterbuch
Tendenz
1. Aufl. Band 5 (Kirkness u. a. 1981)
F. (-; -en), Ende 18. Jh., eventuell unter Einwirkung von gleichbed. engl. tendence, tendency, frz. tendance, aufgekommen, zurückgehend auf lat. tendere ‘(aus-)spannen, -strecken, -dehnen; auf etwas hinlenken, -richten, abzielen; (sich) wohin richten, wenden; nach einem Ort streben, zu gelangen suchen; auf etwas hinarbeiten, nach etwas streben, für etwas tätig sein; sich zu etwas hingezogen fühlen, zu etwas neigen’; 1a häufig pl. verwendet in der Bed. ‘Streben einer Entwicklung in eine bestimmte Richtung, sich abzeichnende allgemeine Entwicklung(-slinie, -srichtung); erkennbare (Vorwärts-)Bewegung, -Strömung; (Ziel-) Gerichtetheit’, bes. auf (geistes-)geschichtliche Vorgänge bezogen, auch ‘(einer Sache oder Person innewohnender) charakteristischer Hang, Zug, Neigung’ (vgl. → Trend), häufig als Grundwort in Zss. wie Zeit-, Grund-, Verfalls-, Preis-, Rechtstendenz; b seit spätem 19. Jh. fachspr. im kaufmännischen Bereich für ‘Neigung der Börsenpapiere zum Steigen oder Fallen; Entwicklung der Kurse; Grundstimmung an der Börse’ (vgl. → Trend), in Zss. wie Tendenzwechsel, -besserung. Dazu seit späterem 19. Jh. (gebucht 1871 bei Sanders) die adj. Ableitung tendenziell, anfangs vereinzelt auch tendentiell, für ‘einer allgemeinen Entwicklung, Tendenz entsprechend, gemäß; der Tendenz nach; in eine bestimmte Richtung gehend, weisend; entwicklungsmäßig; nicht ins Detail gehend, ungefähr, im Ansatz, dem Sinne nach’.
2 Gleichzeitig im Bereich von Kunst und Literatur, vorwiegend sing. verwendet in der Bed. ‘bewußte Verfolgung eines Zieles, Anliegens (durch ein Kunstwerk); (in ein Kunstwerk hineingelegte, darin entwickelte, propagierte) moralisch-religiöse, politische, soziale o. ä. Lehrmeinung; zweckbestimmte, -gerichtete Darstellungsweise; weltanschaulich-ideologische Aussage, Bestrebung; Zweck(-gerichtetheit), Absicht’, von Verfechtern einer „ideologiefreien, reinen“ Kunst abwertend gebraucht im Sinne von ‘von außerliterarischen Interessen gelenkte, parteiische, tendenziöse Kunstauffassung’, als Bestimmungswort in Zss. wie Tendenzliteratur, -stück, -schriftsteller; in neuester Zeit schlagwortartig im Bereich der öffentlichen Meinungsbildung und Medien in der Bed. ‘weltanschaulich-ideologische Ausrichtung einer Institution, Organisation o. ä.’, in Zss. wie Tendenzbetrieb ‘Unternehmen, das einer ideellen, nicht kommerziellen Bestimmung dient’, Tendenz- (-schutz-)klausel, -paragraph ‘gesetzliche Regelung, die Einschränkungen der Arbeitnehmermitbestimmung in Tendenzbetrieben vorsieht’, und allgemeiner verwendet für ‘einseitig parteiliche Färbung’, als Bestimmungswort in Zss. wie Tendenzbericht, -presse, -politik; dazu seit Mitte 19. Jh. die adj. Ableitung tendenziös, vereinzelt tendentiös, meist abwertend für ‘eine bestimmte weltanschauliche Tendenz enthaltend, deutlich zeigend, erkennen lassend, dadurch beeinflußt; gefärbt, parteilich, parteiisch; absichtlich in einer bestimmten (der Wirklichkeit nicht entsprechenden, die Gegebenheiten verzerrenden) Weise darstellend, dargestellt, um etwas zu erreichen; eine politische, religiöse o. ä. Lehre entwickelnd; zweckgerichtet’.
Dazu die im 19. Jh. selten nachgewiesene adj. Ableitung tendenzlos ‘entwicklungs-, orientierungslos’ (zu 1 a) und ‘zweckfrei’ (zu 2) mit der dazugehörigen subst. Ableitung Tendenzlosigkeit; seit früherem 19. Jh. (gebucht 1838 bei Heyse) die wohl als Rückbildung zu Tendenz aufzufassende verbale Ableitung tendieren V.trans mit den Präp. zu, nach, in der Bed. ‘zu, nach etwas (hin-)streben, -neigen, in eine bestimmte Richtung streben’ (zu 1 a) und ‘sich im Kurs entwickeln’ (zu 1 b).

Belege

zu Tendenz 1a (49)
Forster 1791 Kl. Schr. 163
daß wenn Plato die Dichter aus seiner Republik verbannt wissen wolte, eine der jetzigen gerade entgegengesetzte Tendenz seines Publikums ihm zu diesem Urtheil Anlaß gegeben habe;
Müller 1792 Herr Th. IV 5
Eine gemeinschaftliche Tendenz;
Schiller 1792–93 Kallias (H. IX 191)
Soll also eine poetische Darstellung frei sein, so muss der Dichter „die Tendenz der Sprache zum Allgemeinen durch die Grösse seiner Kunst überwinden, und den Stoff (Worte und ihre Flexions- oder Konstruktionsgesetze) durch die Form (nämlich die Anwendung derselben) besiegen“ ... Die Natur des Mediums dessen der Dichter sich bedient, besteht also „in der Tendenz zum Allgemeinen“, und liegt daher mit der Bezeichnung des Individuellen ... im Streit;
Herder 1793 Br. (17) 27
sondern die ewige Tendenz der waltenden lebendigen Kraft geht dahin, aus dem schädlichsten Gift die kräftigste Arznei zu bereiten;
Schiller 1794–1805 Br. III 124
Sie gewöhnen mir immer mehr die Tendenz ab, vom Allgemeinen zum Individuellen zu gehen (KEHREIN);
Goethe 1794– 1805 Br. II 191
Wenigstens ist die demokratische Tendenz eines so rein aristokratischen Quell­wassers einzig in ihrer Art (KEHREIN);
Schiller 1794 (17) 448
geht die Tendenz des Gemüts mehr auf Begriffe als auf Anschauungen;
ders. 1795 Dichtung (H. XII 145)
Wenn daher der Realist in seinen politischen Tendenzen den Wohlstand bezweckt;
ders. 1796 Nutzen (H. XII 156)
Der sinnliche Trieb ... Diese Tendenz unserer Be­gehrungskraft ... steht mit unserer sittlichen Bestimmung im Streite;
Herder 1796 Br. (18) 20
So unentbehrlich dem Menschen diese Tendenz nach dem Vortreflichsten und Vollkommensten ist;
1798 Athenäum I 2, 56
Die Französische Revoluzion, Fichte's Wissenschaftslehre, und Goethe's Meister sind die grössten Tendenzen des Zeitalters;
Görres 1800 Polit. Schr. I 58
müßte die Tendenz des Ganzen ebenfalls eine intellectuelle ... werden;
Brun 1806 Episoden I 241
und man kann selbst eine etwas genauere Wirtschaft nur greifen, deren Resultat eine allgemeine Tendenz zu stiller prunkloser Wohltätigkeit ist;
Jung-Stilling 1808 Geisterkde. 142
er empfindet das, wofür seine Seele eine Tendenz hat;
Steffens 1817 gegenwärtige Zeit I 28
Haupttendenzen der ganzen Entwicklung der germanischen Geschichte;
Lotz 1822 Staatswirthschaftslehre II 19
muss fremdes Eigenthum ... nach dem Wesen und der Grundtendenz des bürgerlichen Lebens doppelt heilig seyn;
Schiller 1822–26 (S. W. XVIII 61)
Beim ersten Anblick scheint nichts einander mehr entgegengesetzt zu sein, als die Tendenzen dieser beiden Triebe (des sinnlichen Triebes und des Formtriebes), indem der eine auf Veränderung, der andere auf Unver­änderlichkeit dringt (KEHREIN);
Queillon 1828 Vermittlung I 102
Die doppelte Tendenz des Zeitalters, Alles zersetzen und zergliedern zu wollen, und den Gefühlen, als wären sie Schwächen oder Gebrechen der menschlichen Natur, den Krieg zu erklären, hat auch einen nachtheiligen Einfluss auf die Religion ausgeübt;
Wit v. Dörring 1830 Fragmente I 48
aber dennoch glaubte er im ganzen Benehmen Rußlands eine entschieden unfreisinnige Tendenz mit vielen Consequenz durchgeführt zu entdecken;
Ranke 1835 Briefwerk 271
inneren Umwandlungen der geistlich weltlichen Tendenzen der Welt, wie sie von Epoche zu Epoche erschienen;
ders. 1836 Gespräch 38
Alle die Staaten, die in der Welt zählen und etwas bedeuten, sind erfüllt von besonderen, ihnen eignen Tendenzen ... Vielmehr sind jene Tendenzen geistiger Art, und der Charakter ihrer Mitbürger wird dadurch bestimmt, ihnen ... aufgeprägt;
Schlesier 1836 Obd. Staaten 23
den öffentlichen Frieden zu sichern, Gesellschaft und Staat auflösende Tendenzen zurückzuweisen und das Vertrauen wieder herzustellen;
Bismarck 1849 Br. 145
der Antrag ist schlecht in seiner Tendenz;
Ranke 1854 Epochen W. G. IX 2, 4
dass diese grossen geistigen Tendenzen, welche die Menschheit beherrschen, sich bald auseinander erheben, bald aneinander reihen. In diesen Tendenzen ist aber immer eine bestimmte particuläre Richtung, welche vorwiegt und bedingt, dass die übrigen zurücktreten;
ebd. IX 2, 7
Ich kann also unter leitenden Ideen nichts anderes verstehen, als dass sie die herrschenden Tendenzen in jedem Jahrhundert sind. Diese Tendenzen können indessen nur beschrieben, nicht aber in letzter Instanz in einem Begriff summiert werden ... Der Historiker hat nun die grossen Tendenzen der Jahrhunderte auseinanderzunehmen und die grosse Geschichte der Menschheit aufzurollen, welche eben der Complex dieser verschiedenen Tendenzen ist;
ebd. IX 2, 233
Ich würde als leitende Tendenzen unserer Zeit aufstellen: die Auseinandersetzung beider Principien, der Monarchie und der Volkssouveränität;
Lotze 1857 (III 328)
Wirkungs­tendenzen der Seele;
Suttner 1896 High-life 69
Jeder Gedanke ist eine Tendenz zur That; sobald zwischen Vorstellung und Ausführung kein Hindernis, keine Gegenvorstellung eintritt, verwirklicht sich die Idee;
Büchner 1898 Sterbelager 183
trotz allem Fortschritt der Wissenschaft ... eine Neigung reaktionärer Tendenzen auf fast allen Gebieten menschlichen Seins und Denkens;
Waetzoldt 1905 Kunstwerk 9
Nach Fechner steht das gesamte Naturgeschehen unter dem Prinzip der „Tendenz zur Stabilität“;
Becker 1914 Deutschland 7
die historischen Tendenzen der russischen Politik;
Lissauer 1919 Aufs. (I 51)
ästhetischen und politischen Tendenzen der gegenwärtigen literarischen Jugend;
Federer 1926 Papst 327
ein belesener ... Mann von leisen liberalen Tendenzen (WDG);
Spranger 1927 Lebensformen 407
Es scheint, als ob eine „Kultur“ in gleichem Sinne eine geistige Entwicklungstendenz in sich trage, wie wir es von der Entwicklung der Lebensstufen des Individuums behaupten;
1929 Handb. d. Englandkunde II 119
Tendenz zur Rationalisierung;
Sombart 1930 Nationalök. 274
Unter Tendenz können wir verstehen: ein in die Zukunft proji­ziertes Geschehen;
Gallian 1934 österr. Soldat 99
Zerstörungstendenzen;
Bertololy 1941 Heimkehr 25
denn der Strom des Lebens, die Tendenz aller Entwicklung zog unaufhaltsam und alles mit­reissend vorwärts, der Zukunft, dem Neuen entgegen;
Neue Ztg. 1. 3. 1950
Diese Pariser Zeichnungen sind sogenannte „Tendenzskizzen“. Sie geben charakteristische Züge der kommenden Mode wieder, ohne auf Details einzugehen;
Englert-Faye 1952 Goethe 133
[wirtschaftliche] Siche­rungstendenz;
1956 Kluckhohn-Festschr. 151
Begriffe wie „Schule“, „Richtung“, „Strömung“, „Tendenz“;
Wandruszka 1956 Haus 15
innere Problematik des Habsburgerreiches, dessen Aufbau und Herrschaftsidee ... mit den „Zeitten­denzen“ im Widerspruch stand;
Sieburg 1963 Paris 35
die Widerstandskraft des Parisers gegen die standardisierende Tendenz der Großstadt ist gewaltig (MÜLLER);
Auto 8 (1965) 21
Ganz unvermittelt aber kehrt sich diese Tendenz um ... Durch die Reifenwahl läßt sich dieser Tendenz entgegenwirken (MÜLLER);
Münch. Merkur 20. 7. 1967
Eine Umfrage ergab, daß bei vielen Firmen in Nordrhein-Westfalen Aushilfsstellen dem Rotstift zum Opfer fielen. Eine „rückläufige Tendenz“ melden Niedersachsen und Bremen;
Offenburger Tagebl. 15. 9. 1967
Einen nachhaltigen Konjunk­turaufschwung in allen Ländern der Sechserge­meinschaft sagte der französische Vizepräsident der Europäischen Kommission ... voraus [und] erklärte ... daß die Wiederbelebungstendenzen in der Bundesrepublik ihren Ausgang nehmen;
Foto­magazin 8 (1968) 16
Auch auf Fotoausstellungen ist diese Tendenz spürbar (MÜLLER);
Offenburger Tagebl. 28. 10. 1970
Tendenzänderungen (Überschr.) Baden-Württemberg erlebte ein hoch­politisches Wochenende. Parteitage von CDU und SPD ... setzten deutliche Akzente;
FAZ 6. 11. 1970
Als gefährlich bezeichnete er auch die zunehmenden sozialistischen Tendenzen in der Wirt­schafts- und Finanzpolitik.
zu tendenziell (7)
Süddtsch. Ztg. 15. 3. 1951
Politik tendentiell sinkender Preise;
Becher 1955 Macht d. Poesie 33
da das, was tendenziell zweifellos richtig ist, sich nicht unmittelbar verwirklicht (WDG);
Fraenkel 1957 Staat 377
Die Schwankungen entstehen durch das tendenzielle Auseinanderklaffen der Sparentscheidungen des Volkes und der In­vestitionsentscheidungen der Unternehmer (MÜLLER);
Naumann 1958 Soziologie Einltg. XXI
tendenziellen Regelmässigkeiten;
Stuttgarter Ztg. 28. 8. 1963
Der Systemwechsel werde überall in der Wirtschaft Anpassungsprozesse in Gang setzen, deren Verlauf tendenziell die Gefahr allgemeiner Preiserhöhungen mit sich bringt;
Adorno 1963 Prismen 76
[der moderne Sport] ähnelt den Leib tendenziell selber der Maschine an (MÜLLER);
FAZ 14. 10. 1970
tendenziell steigend (Überschr.) In den großen Verbraucherländern der westlichen Welt ist damit zu rechnen, daß die Preise für den Rohstoff Mineralöl steigende Tendenz haben werden.
zu Tendenzlosigkeit (1)
Burckhardt 1844 Br. II 139
von der totalen Tendenzlosigkeit des Lebens ... welche im Amüsement und in der Industrie aufgegangen ist.
zu tendieren (6)
Lettenbaur 1927 Morgen 165
Das blühende Wirtschaftswesen des Landes tendiert zum Frieden unter den Völkern;
ebd. 251
Die Interessen der Teile tendierten offenbar immer gegen das Ganze;
Bäumler 1934 Männerbund 41
Die Gesellschaft tendiert zum Wohlstand;
Geopolitik 11 (1934) 238
[des] Deutschen Reiches, das nach dem Westen tendierte;
Guggenheim 1961 Heimat 32
Wie es Emil Staiger ... geschrieben hat, tendiert unsere Romanliteratur von der allgemeinen objektiven Darstellung ... mehr zu speziellen persönlichen, von der Objektivierung zur Subjektivierung;
1964 Tagesztg. DDR o. S.
In welche Richtung tendiert das berufliche Interesse der Stadt- und Landjugend? (WDG).
zu Tendenz 1b (11)
1867 Brutzer 233
eine Tendenz zum Fallen [an der Börse];
Schiebe 1869 Kaufm. Corresp. 9
Saflor hat steigende Tendenz (beide SCHIRMER, Kaufmannssprache);
1930 Arnholds Wochenber. Nr. 15 o. S.
Seit dem letzten Tendenzbericht, der an dieser Stelle noch ... gegeben wurde, sind die Veränderungen zahlreicher Kassen­werte doch recht beträchtlich gewesen ... Die Tendenz der Börse unterlag in den letzten Tagen mehrfachen Schwankungen;
ebd. 7. 2. 1931
wie überhaupt Schiffahrtsaktien im Einklang mit der Allgemeintendenz Kursbesserungen aufwiesen;
ebd. 14. 2. 1931
Es läßt sich jedenfalls keineswegs mit Gewißheit behaupten, daß dieser Tendenzum­schwung eine börsentechnische Erscheinung ist;
ebd. 28. 3. 1931
Insgesamt war damit also die Tendenz der Börse besonders zum Schluß der Woche an fast allen Märkten als durchaus zuversichtlich und freundlich zu bezeichnen;
ebd. 19. 9. 1931
Die Tendenz blieb schwach und selbst die sonst übliche Angleichung der Kurse an höhere Kurstaxen ... wurde vielfach vermißt;
Lokal-Anz. 15. 3. 1933
Der weitere Verlauf brachte aber dann eine ganz entschiedene Tendenzbesserung;
1963 Tagesztg. BRD o. S.
Die Tendenz [am Rentenmarkt] war ausgesprochen freundlich (WDG);
Offenburger Tagebl. 15. 2. 1967
Tendenzwende an der Börse möglich (Überschr.) Zeichen der Stabilisierung;
FAZ 28. 12. 1971
Ein Tendenz­wandel ... stellte sich mit der Jahreswende 1969/70 ein.
zu tendieren (2)
Stuttgarter Ztg. 4. 2. 1963
Die zuvor noch freundliche Grundstimmung schlug zwar um, auch die ausländischen Plätze tendierten überwiegend leichter, die Kundschaft blieb aber relativ besonnen, so daß sich die Kurseinbußen in mäßigen Grenzen hielten;
1966 Tagesztg. BRD o. S.
Die meisten Wertpapierbörsen der Welt tendieren schwächer oder zumindest zurückhaltend (WDG).
zu Tendenz 2 (33)
1802 Eunomia II 192
Was wären unsere meisten Theater ohne Souffleur, und unsere Schriftsteller ohne die Stichwörter: Humanität, Synthesis, Subjectivität, Kritik, Tendenz, Categorie, Zeitalter, Geschmack;
Börne 1833 Br. aus Paris III 267
In Jarke's antirevolutionairem Tendenz­blättchen;
Jäger 1835 F. Schnabel 18
Der Burschen­schaft war er abgeneigt, da er für ihre Tendenzen, wie für Politik überhaupt wenig Neigung fühlte ... das von dieser Verbindung gebieterisch verlangte Keuschheitsgesetz, die von den Bessern gebotene Mäßigkeit, Friedfertigkeit und Vermeidung des Duells;
Pückler 1840 Bildersaal I 397
Unmöglich kann ich mich enthalten ... Folgendes hinzuzufügen, was aus meiner Seele gesprochen und überdem der Tendenz dieses Buches so ganz analog ist;
Herwegh 1840 Ged. II 123
Ich will keine Tendenzpoesie. Das Ewige ist immer Tendenz;
Burckhardt 1842 Br. an Schreiber 59
die Einseitigkeit der Gegenwart, dass sie nun eine Tendenzpoesie und eine Tendenzkunst hat. Man fordert jetzt vor allen Dingen in letzter Instanz ein politisches Interesse. Wer es mit der Geschichte ehrlich meint, wird zu einer Geschichte mit Tendenz nie unbedingt Ja sagen;
Witzleben 1842 Mitt. 96
dass in Deutschland nur folgende Zeitschriften eine gefährliche Tendenz haben;
Jarcke 1844 Br. an Eichendorff 59
Von Tendenz- und Kontrovers­poesie (die ich, mit Einschluss der Katholiken, auch nicht mag) ist keine Spur in diesen Stifterschen Novellen;
Auerbach 1857–58 Schr. III 146
‘das bild gewinnt eine tiefe tendenz’. bleib’ mir vom leib mit deiner tendenz, entgegnete der maler, die menschen haben den teufel zur welt hinausgejagt, aber den schwanz haben sie ihm ausgerissen und der heiszt tendenz (DWB);
Haym 1859 (Ges. Aufs. 79)
ein Tendenzstück im grossen Stile;
Vischer 1861 Krit. Gänge N. F. II 55
Goethe's schwache und matte Versuche gegen die Revolution; doch diese Stücke sind eben Tendenzpoesie, Shakespeare's Stück verdient nicht einmal diesen Namen;
1862 Briefw. Burckhardt-Heyse 111
daß auch das beste historische Drama heutigen Tages nicht mehr durchschlägt, sondern bei Seite gelegt wird, sobald der Tendenzphilister seine Rührung daran gehabt hat;
Schmidt 1871 Bilder II 228
moralische Tendenz des Romans;
ders. 1873 Bilder III 238
dass die Zeit von 1848–1866 für den politischen Tendenzroman günstiger war als die gegenwärtige, gerade weil die letztere politischer ist;
Gutzkow 1878 Longinus 21
Du machst in „Tendenz“, du dienst dem blossen Theaterbedürf­nis!;
Fischer 1891 LG Schwabens I 65
romantischen Tendenzschriften;
Fontane 1894 Br. II 2, 315
[daß] der ganze streitsuchende Krimskrams ... von Tendenz und Nichttendenz hinter mir liegt;
A. D. B. 43 (1898) 777
der katholische Ten­denzromancier Philipp Wasserburg;
Eucken 1903 Aufsätze 226
landläufigen Erzeugnisse der konfessionellen Tendenzliteratur;
Schmitz 1911 Brevier 329
Tendenzkunst ... die sich mit irgendwelchen revolutionären oder sozialen Tendenzen verbündet;
Dtsch. Rundschau 158 (1914) 154
zugleich Kulturbild und Roman, Tendenzwerk und Por­trätgalerie sein zu wollen;
1924 Deutschlands Erneuerung 309
Darum ist es ein ungerechter Vorwurf, wenn man seiner Regierung solche Konsequenzen andichten will; das ist nichts anderes als parteipolitische Tendenzmacherei;
Wassermann 1928 Maurizius 137
Herr von Andergast beugte sich ein wenig vor ... voll der geheimen Tendenz, dem Vater unerwartet Neues über den Sohn zu sagen (WDG);
Friedell 1928 Kulturgesch. II 227
religiösen Tendenzprozessen gegen die Hugenotten;
1928 Querschnitt 335
Seine jetzige Berühmtheit fußt auf seinen Tendenzwerken, die aber, trotz ihrer Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei, keine ausgesprochene Parteirichtung haben;
Berl. Illustr. Nachtausg. 4. 3. 1933
Kommunisti­sches Tendenzstück verboten (Überschr.);
1934 Börsenbl. f. d. dtsch. Buchhandel 767
Wenn bei der Beurteilung eines Werkes die Bemerkung geäußert wird: „Das ist ja Tendenz!“, so ist damit immer ein abfälliges, verneinendes Urteil verbunden. Tendenzdichtung in diesem Sinne ist eine solche, die stark vom Zweck bestimmt wird und in der die Werbung für irgendein Gebiet, sei es politischer, religiöser oder sonstiger Art, vorwaltet;
Morgen 1936 Kriegspropaganda 47
Tendenznachrichten sind Nachrichten, die subjektiv gefärbt sind;
H. Mann 1951–56 (XI 270)
Wer Tendenz nicht will, ist immer nur gegen das Vorwärtsgerichtete (WDG);
Süddtsch. Ztg. 12. 7. 1952
Streitobjekt „Tendenz-Betrieb“ (Überschr.) Pressefreiheit und Mitbestimmungsrecht / Heikle Fragen, die der Klärung bedürfen. Unter einem „Tendenz-Betrieb“ kann sich ein normaler Sterblicher schwerlich etwas vorstellen, es sei denn, er ist zufällig Zeitungsverleger oder Experte des Betriebsverfas­sungsrechtes. Bei dem Wörtchen Tendenz denkt man ohnehin an steigende oder fallende Preise, an politische oder sonstige „Ausrichtung“ ... Im Bonner Entwurf zum Betriebsverfassungsgesetz gibt es die folgende Bestimmung über Tendenz-Betriebe: „Auf Betriebe, die politischen, gewerkschaftlichen, konfessionellen, karitativen, erzieherischen, wissenschaftlichen, künstlerischen und ähnlichen Bestimmungen dienen, finden die §§ 67 bis 76 keine Anwendung ...“ Die zitierten Paragraphen befassen sich, wohlgemerkt, mit dem wirtschaftlichen Mitbestimmungsrecht;
Brecht vor 1956 Schr. z. Theater I 155
Jedes Drama, das nicht nur die Tendenz hat, Geld zu machen, hat irgend eine andere Tendenz (WDG);
Offenburger Tagebl. 9. 12. 1970
Der Hauptvorstand der Industriege­werkschaft Druck und Papier hat sich ... erneut für die ersatzlose Streichung des bisherigen Ten­denzschutzparagraphen ausgesprochen;
FAZ 16. 10. 1971
Tendenzschutz soll sich auch auf Zei­tungsbetriebe erstrecken (Überschr.) In der Ten­denzklausel des vorgesehenen Betriebsverfassungsgesetzes hat der Arbeitsausschuß des Bundestages jetzt ausdrücklich auch Betriebe und Unternehmen erwähnt, die unmittelbar oder überwiegend Zwecken der Berichterstattung oder Meinungsäußerung dienen.
zu tendenziös (13)
Mundt 1857 Pariser Kaiserskizzen I 65
[das französische Theaterpublikum] das die Fähigkeit besitzt, seinem Theater gemäß auch aus ideellen und tendenziösen Pointen zu schöpfen;
Preuss. Jahrbücher 1 (1858) 328
Ist die Richtung, der hier das Wort geredet werden soll, tendenziös, so ist sie verurtheilt. Denn ächte Wissenschaft ist absichtslos und wahrheitsliebend;
Koch-Sternfeld 1861 Bayern u. Tirol. Vorr. V
tendentiöse Wissenschaft und Geschichte;
Katscher 1886 Nebelland 185
mit durchsichtig tendenziösen Geschichten;
1910–11 Literar. Echo 52
Tendenziöse Kunst;
1922 Deutschlands Erneuerung 604
tendenziöse Darstellung;
Wassermann 1928 Maurizius 415
[seine Beteuerung] klang eigentümlich tendenziös oder warnend (WDG);
Lokal-Anz. 14. 10. 1934
Hinzukam, daß sie als Nichtspanier viel unter tendenziösen Machenschaften der spanischen Auf­sichtsbehörden zu leiden hatten;
ebd. 25. 10. 1934
daß sehr vieles, was in den ausländischen Zeitungen geschrieben wird, tendenziös ist;
Lernet-Holenia 1964 Vertauschte Briefe 87
die ... tendenziösen Veränderungen des tatsächlichen Wortlauts (WDG);
Offenburger Tagebl. 9. 7. 1970
Was „tendenziös“ ist, wird auf dem Verwaltungsweg entschieden und dem verantwortlichen Redakteur drohen sechs Monate bis zwei Jahre Gefängnis ... Jede Kritik an der Regierung [in Peru] ist mit hohen Strafen bedroht, „tendenziöse“ Berichterstattung über die Entwicklung der Agrarreform kann mit fünf Jahren Gefängnis bestraft werden;
FAZ 5. 8. 1971
Mit solchen, nicht zuletzt in der zeitlichen Optik verzerrten tendenziösen Darstellungen ist niemandem gedient;
Mannh. Morgen 27. 9. 1978
wer noch Ausgaben der Nazizeit gerettet hatte, konnte nur ernüchtert erkennen, wie tendenziös häufig Auswahlen verfälscht worden waren.
zu tendenzlos (1)
Gottschall 1885 Totenkl. 255
Paul de Koch schildert tendenzlos Leben und Sitte; für Ida's Darstellungsweise kann man nur den Ausdruck „sanglant“ gebrauchen.
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