Militärexperte sieht bei Iran kritischen Punkt: „Könnte sich länger hinziehen“
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Der Militärexperte Gustav Gressel lehrt und forscht an der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres. Im Interview erklärt er, welche Waffensysteme die Kriegsparteien im neuen Iran-Krieg einsetzen, welche Ziele attackiert wurden und wie lange beide Seiten diesen Konflikt durchstehen können.
Herr Gressel, welche Waffen sind bislang im aktuellen Krieg zwischen den USA/Israel und dem Iran eingesetzt worden?
Gustav Gressel: Die USA setzen vor allem auf Distanz- und Präzisionswaffen. Von Zerstörern und U-Booten werden Marschflugkörper wie der Tomahawk verschossen. Hinzu kommt die AGM-84 Harpoon, die in neueren Versionen auch Landziele angreifen kann, insbesondere küstennahe Anlagen. Landgestützt kommt die Precision Strike Missile zum Einsatz, der Nachfolger von ATACMS. Aus der Luft werden Varianten der AGM-158 JASSM verwendet – moderne Marschflugkörper mit hoher Reichweite und Präzision. Israel wiederum setzt eigene Marschflugkörper und sogenannte „Air Launched Loitering Munitions“ ein – eine Mischung aus Drohne und Marschflugkörper, die über dem Ziel kreisen, eigenständig Radarstellungen identifizieren und dann zuschlagen. Zudem wurden Gleitbomben wie die GBU-39 Small Diameter Bomb eingesetzt, um punktgenau Hangars und geschützte Flugzeuge zu zerstören. Auf iranischer Seite kamen vor allem ballistische Raketen der Shahab- und Fateh-Familie sowie Angriffsdrohnen wie die Shahed 136 zum Einsatz. Letztere sind vergleichsweise günstig und in großer Zahl produzierbar.
Welche Ziele wurden attackiert?
Gressel: In den ersten Angriffswellen der USA und Israels standen politische und militärische Führungsstrukturen im Fokus. Darüber hinaus wurden zahlreiche taktische Ziele angegriffen: Luftwaffenbasen, Munitionslager, Küstenverteidigungsstellungen, Marineeinheiten, Hafenanlagen und Radarstellungen. Israelische Angriffe richteten sich gezielt gegen iranische Flugplätze. Mit präzisen Gleitbomben wurden Hangars durchschlagen und darin stationierte Flugzeuge zerstört. Radar- und Luftabwehrsysteme standen ebenfalls im Zentrum, um die iranische Luftraumüberwachung zu schwächen und anschließend freier operieren zu können. Iran wiederum zielte mit Raketen und Drohnen auf israelisches Territorium sowie auf US-Stellungen im Golfraum. Die Reichweite vieler Systeme erlaubt Angriffe über den Persischen Golf hinweg, während weiterreichende Raketen wie die Sejjil auch Israel erreichen können – allerdings in begrenzter Stückzahl.
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Wie sind die Waffenarsenale beider Seiten bestückt?
Gressel: Die USA verfügen über erhebliche Bestände an Marschflugkörpern, luftgestützten Präzisionswaffen und Gleitbomben. Systeme wie Tomahawk, JASSM oder Harpoon wurden nicht in großen Mengen an andere Staaten wie etwa die Ukraine abgegeben, sodass hier keine unmittelbare Konkurrenz um Bestände besteht. Ein kritischer Punkt ist allerdings die Luftverteidigung. Auf amerikanischer Seite kommen Systeme wie Patriot, SM-2 und SM-3 zum Einsatz. Israel stützt sich vor allem auf Arrow, David’s Sling und Iron Dome. Diese Systeme tragen die Hauptlast der Raketenabwehr – ihre Munitionsbestände sind jedoch nach den vergangenen Konflikten bereits beansprucht.
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Und der Iran?
Gressel: Der Iran besitzt ein großes Arsenal an Mittelstreckenraketen, insbesondere der Fateh-110-Familie, die technisch auf chinesischen Komponenten basiert und weitgehend im Land produziert werden kann. Ältere Systeme wie Shahab-3 basieren auf sowjetischer Technik; ihre Zahl dürfte über die Jahre abgenommen haben. Zusätzlich verfügt Teheran über große Bestände an Angriffsdrohnen, die vergleichsweise günstig hergestellt werden können.
US-Präsident Trump hat davon gesprochen, dass dieser Krieg mehrere Wochen dauern könnte. Ist das realistisch?
Gressel: Eine klare zeitliche Grenze gibt es nicht. Entscheidend ist weniger die absolute Menge an Offensivwaffen als die Frage, wie lange die Luftverteidigung durchhält. Offensivmittel lassen sich – insbesondere bei Gleitbomben oder Drohnen – vergleichsweise günstig einsetzen und nachproduzieren. Sollten USA und Israel die iranische Luftabwehr weitgehend ausschalten, könnten sie mit kostengünstigeren Gleitbomben operieren und ihre Kampagne länger durchhalten. Umgekehrt hängt die iranische Durchhaltefähigkeit stark davon ab, wie viele mobile Abschussanlagen und Raketen verborgen bleiben und ob Nachschub – etwa aus Russland – gesichert werden kann. Logistisch sind die USA in der Lage, Flugzeugträgerverbände auf See zu versorgen. Zerstörer können rotiert werden, Munition wird per Versorgungsschiff nachgeführt. Der Iran hingegen verfügt über geografische Tiefe, was das Verbergen von Systemen erleichtert. Letztlich ist es eine politische Kosten-Nutzen-Abwägung: Wie hoch sind die Verluste, wie stark sind wirtschaftliche Folgen – etwa bei einer Blockade der Straße von Hormus – und wie lange sind beide Gesellschaften bereit, diese zu tragen?
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Welches Ziel verfolgen die USA und Israel aus Ihrer Sicht?
Gressel: Militärisch geht es offensichtlich darum, das iranische Offensivpotenzial systematisch zu erodieren – also Raketenarsenale, Drohnenkapazitäten, Luftabwehr und militärische Infrastruktur nachhaltig zu schwächen. Politisch ist die Lage komplexer. Ein mögliches Ziel könnte sein, das Regime unter Druck zu setzen oder sogar einen Machtwechsel zu begünstigen. Doch Regimewechsel sind strategisch riskant: Niemand kann sicher vorhersagen, welche Führung sich danach etabliert.
Was ist die Strategie der Iraner?
Gressel: Aus iranischer Sicht stellt sich spiegelbildlich die Frage, wie lange man durchhalten muss, bis der politische Wille in Washington oder Jerusalem nachlässt. Wenn beide Seiten die Kosten als tragbar betrachten, kann sich der Konflikt – notfalls mit improvisierten oder billigeren Mitteln – über längere Zeit hinziehen. Am Ende entscheidet weniger die Technik als die politische Zielsetzung: Wie weit will man gehen – und was gilt noch als akzeptabler Preis?
