Alternative zur Straße von Hormus: Das droht, wenn auch diese Passage ausfällt
Die vielleicht gefährlichste Schiffspassage der Welt trägt einen Namen, der Dantes „Inferno“ oder den Meeresungeheuern der griechischen Mythologie alle Ehre machen würde. Als „Tor der Tränen“ ist das Bab al-Mandab, eine nur 27 Kilometer breite Meeresstraße, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, in der wörtlichen Übersetzung aus dem Arabischen auch bekannt.
Wer durch dieses Pendant zu Skylla und Charybdis aus der „Odyssee“ hindurchwill, braucht starke Nerven. Unberechenbare Strömungen, launische Winde und Seeminen aus vergangenen Konflikten machen die Passage zwischen Jemen, Eritrea und Dschibuti schon in Friedenszeiten zu einer Herausforderung für jeden Schiffskapitän. Gleichzeitig ist das Bab al-Mandab auch eine der gefährlichsten Fluchtrouten der Welt. Zehntausende Menschen versuchen jedes Jahr, die Meerenge in meist ungeeigneten Booten zu überqueren, um über den Jemen nach Saudi-Arabien zu gelangen. Viele bezahlen den Versuch mit ihrem Leben.
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Das Bab al-Mandab ist aber auch eines der Nadelöhre des Welthandels. Mehr als 20.000 Fracht- und Containerschiffe passieren jedes Jahr die Meerenge und transportieren 1,6 Milliarden Tonnen Güter. Um die zehn Prozent des weltweit verschifften Öls müssen durch die Passage. Rund 20 Prozent der Öl- und ein Viertel aller LNG-Importe in die EU passierten im Jahr 2022 das Tor der Tränen. In Zeiten des Iran-Kriegs und der Schließung der Straße von Hormus nimmt die Bedeutung des Bab al-Mandab nun noch einmal zu. Gleichzeitig wächst aber auch die Gefahr, denn auf der jemenitischen Seite kontrollieren die mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen die Meerenge und drohen mit deren Blockade.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die Huthi rund um die Meerenge Angst und Schrecken verbreiten. Seit Beginn des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verübten die Huthi mehr als 100 Angriffe auf Schiffe, versenkten zwei und töteten mindestens vier Seeleute. Das Vorgehen störte den weltweiten Schiffsverkehr schwer, viele Reedereien sahen sich gezwungen, ihre Schiffe umzuleiten und auf den viel längeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas zu schicken.
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Saudische „Petroline“ als alternativer Transportweg für Öl
Noch halten die Huthi still, doch die Ruhe könnte trügerisch sein. Seit Anfang 2026 ist der Schiffsverkehr um den Bab al-Mandab im Vergleich zu Ende 2023 um rund 40 bis 60 Prozent zurückgegangen. Viele Reedereien meiden die Route noch immer. Doch das könnte sich bald ändern, denn sowohl Saudi-Arabien als auch Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate müssen nach der Blockade der Straße von Hormus nun alternative Wege für ihre Öl- und Gasexporte finden.
Saudi-Arabien betreibt etwa die 1200 Kilometer lange „Petroline“, die von der riesigen Ölanlage Abkaik im Osten quer durch die Wüste zum Hafen Janbu im Westen am Roten Meer führt. Bis zu sieben Millionen Barrel Öl soll die Leitung täglich transportieren können. In der ersten Kriegswoche vom 2. bis 8. März seien von Janbu aus bereits 2,7 Millionen Barrel täglich verschifft worden, meldet das Fachportal Lloyd’s List.
Die Menge soll schnell erhöht, die Leitung voll ausgelastet werden. Frei nach Donald Trump könnte das Motto lauten: „Pump, Baby, pump!“ Wie die „Financial Times“ berichtet, seien derzeit um die 30 Supertanker mit einer Ladekapazität von bis zu zwei Millionen Barrel pro Schiff nach Janbu unterwegs, um das Öl aufzunehmen und weiter zu transportieren. Ein großer Haken bleibt: Die weitgehende Umstellung vom Schiffs- auf den Pipeline-Transport ist beim Rohöl vor allem eine Frage der Kapazitäten. Die Pipelines in der Region können der Internationalen Energie-Agentur (IEA) zufolge nur etwa ein Viertel der etwa 20 Millionen Barrel Rohöl (je 159 Liter) transportieren, die sonst auf Tankern verschifft würden.
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Iran kann Druck auf Saudi-Arabien weiter erhöhen
Bleibt die Frage, wie sich die Huthi, aber auch der Iran, mit Blick auf die alternativen Lieferwege verhalten werden. Möglich, dass die „Petroline“ selbst zum Angriffsziel wird. Aber auch andere Angriffsszenarien sind denkbar. Huthi-Führer Abdulmalik al-Huthi betont, man habe „den Finger am Abzug“. Noch ist allerdings nichts passiert. Für die bisherige Zurückhaltung haben Expertinnen und Experten verschiedene Erklärungen. „Einige meinen, dass die Huthi bewusst abwarten, bis die USA und Israelis einen Teil ihrer Munition verschossen haben, um dann umso wirkungsvoller einzusteigen. Andere vermuten, dass die Huthi nach dem möglichen Ende der iranischen Blockade die ersten Öltanker aus der Straße von Hormus abwarten, um dann zuzuschlagen“, sagt etwa Marieke Brandt, Jemen-Expertin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Klar scheint, dass Iran den Druck auf seinen Erzfeind Saudi-Arabien nach Belieben erhöhen kann. Eine gleichzeitige Blockade der Straße von Hormus und des Bab al-Mandab würde die Saudis weitgehend vom Welthandel abschneiden. Es wäre auch ein schwerer Schlag für Kronprinz Mohammed bin Salman, der US-Präsident Donald Trump laut einem Bericht der „Washington Post“ gedrängt haben soll, den Iran anzugreifen. Und nicht zuletzt würde der Ölpreis in schwindelerregende Höhen steigen. Ein Preis von 150 Dollar pro Barrel wäre dann wohl kein Horrorszenario mehr, sondern Realität.
