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⇱ Kommen wieder autofreie Sonntage? Was wir aus früheren Energiekrisen lernen können


Funke Mediengruppe
1973, 1979 und 2022

Autofreie Sonntage und Co.: Was können wir aus früheren Energiekrisen lernen?

Berlin. Der Iran-Krieg hat die Welt in eine neue Krise gerissen. Doch es gibt Mittel, die Wirkung künftiger Preisschocks zu dämpfen.
Von Michael Backfisch, Freier Journalist
Vor über 50 Jahren, am 19. November 1973, verordnete der Deutsche Bundestag aus Anlass der Ölkrise das erste Sonntagsfahrverbot für den 25. November (Archivbild). © picture alliance / SvenSimon | SVEN SIMON

Der Iran-Krieg hat zu einer Preisexplosion bei Öl und Gas geführt. Doch bereits 1973, 1979 und 2022 musste Deutschland mit globalen Energiekrisen umgehen. Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

Die Ölkrise von 1973: autofreie Sonntage und Tempolimits

Die weltweite Energiekrise von 1973 wurde durch den Jom-Kippur-Krieg ausgelöst. Stein des Anstoßes war ein Ölembargo der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) gegen westliche Länder, die Israel unterstützten. „Die Ölkrise von 1973 war von der Langzeitwirkung die massivste Energiekrise. Sie hat das mehrere Jahrzehnte anhaltende konstante Wirtschaftswachstum in der westlichen Welt zum Ende gebracht“, sagte Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy in Erfurt, unserer Redaktion.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Deutschland hing damals am Tropf der Ölförderländer aus Nahost. „1973 war die Wirtschaft der Bundesrepublik zu 60 Prozent vom Öl abhängig. Dieses Öl kam zu mehr als 80 Prozent aus Ländern, die mittelbar oder unmittelbar vom Nahostkonflikt betroffen waren“, sagte Rüdiger Graf, Leiter der Abteilung Wissen/Wirtschaft/Politik im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, unserer Redaktion.

Die Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt reagierte mit einer Reihe von Energiesparmaßnahmen. Vier autofreie Sonntage sorgten für leere Autobahnen. Zudem wurde ein Tempolimit von 100 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen und 80 auf Landstraßen verhängt. Die Politik appellierte an die Bevölkerung, weniger zu heizen.

Die Ölkrise von 1973 führte jedoch auch langfristig zu Veränderungen. Deutschland verteilte seine Ölimporte auf mehrere Länder. „Die Ölintensität der westlichen Volkswirtschaften wurde drastisch reduziert. Dies wurde beispielsweise durch höhere Energieeffizienz erreicht“, betont der Energieexperte Goldthau. „Gleichzeitig wurden die Volkswirtschaften diversifiziert. Die Heizungen wurden zum Teil von Öl auf Gas umgestellt.“ Die Franzosen stiegen auf Atomstrom um. Neben Gas galt damals Kernkraft als die große alternative Energiequelle. Die Bundesregierung beschloss den Bau von 40 neuen Reaktoren. Tatsächlich errichtet wurde aber am Ende nur ein Drittel.

Die Ölkrise von 1979/80: Russisches Gas wird zum neuen Hoffnungsträger

Die Energiekrise 1979/80 war der zweite große globale Ölschock. Ende 1978 hatte die Opec die Ölpreise erhöht. Die Islamische Revolution im Iran 1979 und der 1980 beginnende Krieg zwischen den Ölgiganten Irak und Iran führten zu Förderausfällen und einem rasanten Preisanstieg. Unter Kanzler Helmut Schmidt setzte die Bundesregierung auf Energiesparen, investierte in Wärmedämmung, Blockheizkraftwerke und trieb den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs voran.

Polizisten kontrollieren auf dem Autobahnkreuz Köln-Nord die Einhaltung des Fahrverbots (Archivbild). © picture-alliance/ dpa | Roland Scheidemann

Vor allem aber richtete sich der Blick nach Osten. „In den 1980er- und 1990er-Jahren hat Deutschland die Gasimporte aus der Sowjetunion schrittweise hochgefahren. Man hat sich sehenden Auges bei einem immer wichtiger werdenden Energieträger in die Abhängigkeit von einem Bezugsland begeben“, unterstreicht der Historiker Graf.

Der Gasschock von 2022: Tankrabatt und 9-Euro-Ticket

Die Fixiertheit auf billiges Gas aus Russland sollte sich rächen. Im Zuge des Ukraine-Krieges stellte Moskau im Sommer 2022 die Gaslieferungen nach Deutschland ein. Auf einen Schlag fielen mehr als 50 Prozent der deutschen Gasimporte weg. Die Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz reagierte mit einer Kombination aus Sofortmaßnahmen. Durch die Gas- und Strompreisbremse wurden die Preise für den Basisverbrauch gedeckelt. Es gab für drei Monate einen Tankrabatt, das 9-Euro-Ticket ermöglichte günstige Bahnfahrten.

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Aber die Ampelkoalition baute auch auf langfristige Veränderungen. Die Gasimporte wurden auf mehrere Länder verteilt. Hinzu kam der Bau von Flüssiggas (LNG)-Terminals. Die rechtliche Verpflichtung zur Befüllung der Gasspeicher wurde verschärft. Darüber hinaus wurden Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt, die Laufzeit der letzten Atomkraftwerke wurde gestreckt.

Iran-Krieg 2026: Die Lehren aus früheren Energiekrisen

Obwohl Deutschland nur rund sechs Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten bezieht, wird es durch die derzeitige Energiekrise hart getroffen. Denn die Preise bestimmt der Weltmarkt. Ausschlaggebend für die derzeitige Preisexplosion ist die De-facto-Blockade der Straße von Hormus durch den Iran.

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„Bei Energiekrisen gibt es prinzipiell drei Instrumente. Man kann Energieträger oder Bezugsländer diversifizieren – diese Strategien zeigen allerdings erst langfristig Wirkung. Und man kann Energie sparen. Das wirkt sofort und bringt in der Krise akut etwas“, erklärt der Energieexperte Graf. 1973 hätten vor allem Tempolimits zu einer „signifikanten Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs“ geführt. Von einer in der Politik diskutierten Spritpreisbremse hält der Ökonom Goldthau wenig: „Der Energiepreis ist ein wichtiges Zeichen, das den Verbrauchern Knappheit signalisiert. Den sollte man nicht künstlich dämpfen. Die Knappheit im Markt muss Verhalten ändern.“

Bei allen drei großen früheren Energiekrisen gab es in Deutschland einen Mix aus kurzfristigen Energiesparmaßnahmen und Diversifizierung der Importländer für Öl und Gas. Zudem legte der Anteil erneuerbarer Energien zu – insbesondere Wind und Solar. Dennoch wird die Wirtschaft noch zu einem großen Teil aus fossilen Quellen gespeist. Nach Zahlen des Energieverbandes BDEW machte Mineralöl im vergangenen Jahr fast 36 Prozent und Erdgas 27 Prozent des Primärenergieverbrauchs in Deutschland aus. Erst danach folgten die erneuerbaren Energien mit knapp 21 Prozent. Im Strombereich ist der Anteil der alternativen Quellen hingegen auf gut 55 Prozent angewachsen.

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Nach Ansicht von Fachleuten muss Deutschland insbesondere den Ausbau von erneuerbaren Energien vorantreiben. „Die Lektion der bisherigen Energiekrisen lautet: Die Kosten volatiler fossiler Märkte für Verbraucher bleiben hoch, solange Öl und Gas einen großen Anteil am Energiemix haben. Dieser Anteil muss runter, um die Abhängigkeit von volatilen fossilen Märkten zu reduzieren“, betont der Ökonom Goldthau. „Wir brauchen mehr Wind- und Solarenergie sowie Biomasse. Wichtig ist auch die P2X-Technologie, wodurch Strom aus erneuerbaren Energiequellen in Gase, Kraftstoffe und Chemikalien umgewandelt wird.“ Nur so könnten Industrie und Verkehr dekarbonisiert werden. Denkbar sei etwa der Aufbau von P2X-Technologien im sonnenreichen Nordafrika.

Im Stromsektor hat Deutschland bereits bewiesen, dass es zeitweise zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien laufen kann. „Man muss das System nur so ausbalancieren, dass man über eine den ganzen Kontinent umspannende Versorgung, Energiespeicher sowie europaweite Netze und Bepreisungssysteme nachdenkt“, so Goldthau. Damit könnten auch Dunkelflauten ausgeglichen werden, wenn die Sonne mal nicht scheint oder der Wind nicht weht. In der Industrie ist die Umstellung jedoch schwieriger, weil einige Branchen noch auf fossile Energien angewiesen sind. Das trifft vor allem auf die Chemieindustrie, die Stahl- und Metallerzeugung sowie die Baustoffindustrie zu. Ein Energiemix mit mehr „Erneuerbaren“ macht Deutschlands Wirtschaft zwar nicht immun, aber er kann künftige Öl- und Gaspreisschocks zumindest deutlich dämpfen.

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