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⇱ Iran: Fatale Folgen drohen – diese Öl- und Gasfelder geraten jetzt ins Visier


Funke Mediengruppe
Nach Angriff auf South Pars

Fatale Folgen drohen: Welche Öl- und Gasfelder im Iran-Krieg ins Visier geraten

Teheran. Iran greift Katars Gaszentrum an, Öl- und Gasanlagen am Golf werden zum Kriegsziel – mit unkalkulierbaren Folgen für Energiepreise.
Von Michael Backfisch, Freier Journalist
Trump droht Iran mit Angriff auf Gasfeld – Energiepreise steigen

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Mit dem iranischen Angriff auf das Herzstück der katarischen Gasindustrie hat der Krieg eine neue Eskalationsstufe erreicht. Kann ein Flächenbrand in Nahost die Weltwirtschaft in die Knie zwingen? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

Es ist eine neue Eskalationsstufe im Iran-Krieg. Am Donnerstagmorgen haben Marschflugkörper aus dem Iran das Herzstück der katarischen Gasindustrie in Ras Laffan schwer beschädigt. Bei den Angriffen seien mehrere Anlagen für Flüssiggas (LNG) getroffen worden, meldete der staatliche katarische Öl- und Gas-Konzern Qatar Energy. Das kleine Scheichtum am Persischen Golf spielt eine Schlüsselrolle bei der globalen Versorgung mit Flüssiggas, das vor allem in Ras Laffan verschifft wird. Mehr als 80 Prozent des katarischen LNG gehen nach Asien. Deutschland hatte im November 2022 einen langfristigen Vertrag über den LNG-Import aus Katar geschlossen, um russische Gaslieferungen zu ersetzen.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Bei dem Angriff Irans handelt es sich um eine Vergeltungsaktion. Am Mittwoch hatten israelische Geschosse mehrere Einrichtungen in der iranischen Energie-Sonderwirtschaftszone in der Hafenstadt Asalujeh am Persischen Golf getroffen. Die Anlagen gehören zum Gasfeld „South Pars/North Dome“, das sich Iran mit Katar teilt. Es ist das größte Gasfeld der Welt. Iran deckt damit rund 70 Prozent des heimischen Gasbedarfs. Die iranische Militärführung kündigte nach Israels Luftschlag eine massive Ausweitung des Krieges an. Das Pendel bewege sich in Richtung eines „umfassenden Wirtschaftskriegs“, hieß es. Teheran drohte ausdrücklich mit Attacken auf Gasfelder und Raffinerien in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Katar.

Wie reagiert US-Präsident Donald Trump?

Nach den iranischen Vergeltungsschlägen auf die Gasanlagen in Katar richtete US-Präsident Donald Trump eine scharfe Drohung an Teheran. Sollte Iran die „unkluge“ Entscheidung treffen, den katarischen Gaskomplex Ras Laffan erneut anzugreifen, werde die US-Armee „das gesamte ‚South-Pars‘-Gasfeld in die Luft sprengen, in einem Ausmaß an Stärke und Macht, das Iran noch nie zuvor gesehen oder erlebt hat“, erklärte Trump in seinem Onlinedienst Truth Social. Zugleich betonte er, dass Israel das Gasfeld „South Pars“ nicht erneut angreifen werde – solange Iran nicht erneut Energieanlagen in Katar ins Visier nehme.

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Was ist Irans Strategie?

Die iranische Führung weiß, dass sie beim klassischen militärischen Arsenal Amerika und Israel hoffnungslos unterlegen ist. Deshalb setzt sie auf einen asymmetrischen Krieg. Die iranischen Revolutionsgarden haben nicht nur das wichtige Nadelöhr für weltweite Öltransporte, die Straße von Hormus, de facto blockiert. Sie attackieren auch gezielt Öl- und Gasanlagen der arabischen Golfstaaten. Durch die Verknappung des Öl- und Gasangebots will Teheran eine Energiepreis-Explosion erzeugen. Das Regime nimmt die Weltwirtschaft als Geisel, um den Druck auf die USA und Israel zu erhöhen, die Angriffe einzustellen. Insbesondere reiche Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar sehen ihr Wohlstandsmodell gefährdet. Die iranische Führung will mit dieser Schwitzkasten-Strategie erreichen, dass die arabischen Länder in Washington und Jerusalem auf ein Ende des Krieges drängen.

Welche Öl- und Gasfelder am Golf hat Teheran jetzt im Visier?

Saudi-Arabien ist nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Ölproduzent der Welt. Wichtige Ölfelder liegen in der Ostprovinz des Königreiches. Das größte bekannte Ölfeld ist Ghawar in der Nähe von Katar. Es hat eine Ausdehnung von 280 mal 30 Kilometern. In der Nachbarschaft erstreckt sich das große Gasfeld South Ghawar. Auch Abqaiq, die größte Raffinerie der Welt, befindet sich in der Nähe von Ghawar. Ein weiteres wichtiges Ölfeld ist Berri an der Golfküste. Besonders verwundbar sind große saudische Offshore-Ölfelder im Persischen Golf wie Safaniya, Zuluf und Marjan. Der staatliche Energiekonzern Saudi Aramco hat viele Milliarden Dollar in die Erweiterung der Anlagen investiert.

Von den bisher mehr als 3000 Geschossen, die Iran auf die Golfstaaten abgefeuert hat, gingen mehr als die Hälfte auf Ziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Dies hat offensichtlich auch damit zu tun, dass sich die Emirate 2020 dem Abraham-Abkommen angeschlossen haben, das die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel vorsah. Das größte Ölfeld des Landes ist die Offshore-Anlage Zakum, die 60 Kilometer nördlich der Golfküste liegt. Es ist eine der größten Ölförder-Einrichtungen der Welt. Das Ölfeld Bab befindet sich in der Nähe der Hauptstadt Abu Dhabi. Die Emirate sind jedoch auch eine Gas-Großmacht. Die Ghasha-Konzession bezeichnet das weltweit größte Offshore-Projekt zur Sauergasförderung. Der staatliche Energiekonzern ADNOC (Abu Dhabi National Oil Company) betreibt die Produktion vor der Küste in der Al-Dhafra-Region. Die VAE verfügen im Nahen Osten über die viertgrößten nachgewiesenen Erdgasreserven nach Katar, Iran und Saudi-Arabien. 

Podcast-Folge
Rockets from Lebanon: Daily Life in Northern Israel in the Shadow of the Iran War
Im Krisenmodus

Das Zentrum der katarischen Gaswirtschaft ist die Industrie-Ansiedlung Ras Laffan, 80 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Doha. Die größte Ölförderanlage Katars ist das Dukhan-Feld. Darüber hinaus betreibt das Scheichtum mehrere Offshore-Ölfelder, darunter Bul Hanine, Maydan Mahzam und Idd al-Shargi.

Wie reagieren die Märkte auf die neuesten Angriffe?

Der Preis für europäisches Erdgas ist deutlich gestiegen. An der Börse in Amsterdam legte die Notierung für den richtungsweisenden Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat am Donnerstagmorgen um 24,5 Prozent auf 67,89 Euro je Megawattstunde zu. Der TTF-Preis hatte vor Beginn des Iran-Krieges bei lediglich 31 Euro gelegen. Wegen des Preissprungs wird die Wiederbefüllung der deutschen Gasspeicher in diesem Jahr nach Einschätzung von Speicherbetreibern eine große Herausforderung. Nach Einschätzung der Initiative Energien Speichern (Ines) fehlen dem Markt derzeit jegliche ökonomischen Anreize zur Einspeicherung von Gas in die Speicher.

Kann der Krieg die Weltwirtschaft in die Knie zwingen?

Die Sorgen vor Lieferengpässen werden immer stärker. Die erheblichen Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus beginnen sich vor allem auf Verbraucher in Asien auszuwirken, die auf Lieferungen aus der Golfregion besonders angewiesen sind. Hohe Öl- und Gaspreise belasten weltweit Wirtschaft und Verbraucher. Doch es geht um viel mehr. Die Golfstaaten haben eine große Industrie für petrochemische Produkte aufgebaut, die aus Öl und Gas gewonnen werden – etwa Düngemittel, Pestizide oder Schmieröle.

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Sie alle können durch die De-facto-Blockade der Straße von Hormus nicht an die Kunden verschifft werden. Es drohen Lieferketten-Engpässe, die an die Zeit der Corona-Pandemie erinnern. Insbesondere ausbleibende Düngemittel sorgen dafür, dass Ernten geringer ausfallen. Das wiederum treibt die Lebensmittelpreise nach oben. Wenn der Iran-Krieg länger andauert, ist global mit einem deutlichen Anstieg der Inflationsraten zu rechnen. Im schlimmsten Fall könnte zumindest Teilen der Weltwirtschaft eine Stagflation drohen, also eine toxische Mischung aus Stagnation (kein Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit) und Inflation.

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