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Deutsches Fremdwörterbuch
Tektonik
1. Aufl. Band 5 (Kirkness u. a. 1981)
F. (-; ohne Pl.), im frühen 19. Jh. aufgekommen, zurückgehend auf griech. τεκτονικός ‘zum Zimmermann oder Baumeister gehörig; die Baukunst betreffend’ (zu τέκτων ‘der in Holz arbeitende Handwerker, Zimmermann; Baumeister’); 1 in der veralteten Bed. ‘Handwerkskunst, Kleinkunst’, speziell für ‘Herstellung künstlerischer Gebilde aus Holz, Stein’ (z. B. Geräte, Gefäße).
2a Seit Mitte 19. Jh. zunächst in der Architektur in der Bed. ‘(Lehre von der) harmonische(n) Zusammenfügung von Bauelementen zu einem einheitlichen Ganzen, kunstgerechter Aufbau, Struktur’, von daher auf den Bereich der Bildenden Künste und der Literatur ausgedehnt für ‘(Lehre vom strengen inneren) Aufbau eines Kunstwerks’ (Ggs. Atektonik); b seit spätem 19. Jh. zur Bezeichnung eines Teilgebietes der Geologie, das sich mit dem Bau der Erdkruste und ihren inneren Bewegungen befaßt (Geotektonik). Dazu gleichzeitig die adj. Ableitung tektonisch ‘die Tektonik betreffend, auf ihr beruhend, ihr gemäß’ (Ggs. atektonisch), vereinzelt auf geistig-kulturelle Entwicklungen übertragen (zu 2 a), und ‘auf den Bau der Erdkruste bezüglich; durch Bewegungen in der Erdkruste hervorgerufen’, bes. im Syntagma tektonisches Beben, vereinzelt bildlich verwendet (zu 2 b).

Belege

zu Tektonik 1 (2)
Müller 1830 Archäologie 34
Aus dieser Verbindung geht eine Reihe von Künsten hervor, welche Geräthe, Gefäße, Wohnungen und Versammlungsorte der Menschen zwar einerseits nach ihrer Zweckbestimmung, aber andererseits in Gemäßheit von Gefühlen und Kunstideen, gestalten und ausbilden. Wir nennen diese Reihe gemischter Tätigkeiten Tektonik; ihr Höchstes ist die Architektonik, welche am meisten vom Bedürfnis sich emporschwingen und zu einer machtvollen Darstellung tiefer Empfindung werden kann ... Den Ausdruck Tektonik habe ich hier zur Bezeichnung eines wissenschaftlichen Begriffs, den man schwerlich entbehren kann, einzuführen versucht, indem ich dabei nicht übersah, daß bei den Alten τεκτονες im speziellen Gebrauch Bauleute, Schreiner, nicht aber Thon-, Metallarbeiter heißen, aber dabei zugleich den allgemeinen Sinn berücksichtigte, der in der Etymologie des Wortes liegt;
Brunn 1867 Kl. Schr. III 239
Dagegen darf von Anfang an Architektur und Tektonik nicht unberücksichtigt bleiben ... Was ferner die Tektonik in Geräten, Altären, Kandela­bern, Gefäßen, Ziselierungen und anderen dekorativen Arbeiten geleistet hat, wird jetzt immer mehr in den Kreis historischer Forschungen einbezogen.
zu Tektonik 2a (17)
Bötticher 1844–73 Die Tektonik der Hellenen
(Titel);
Stahr 1847 Italien I 409
Princip der hellenistischen Tektonik;
Kürnberger 1877 Herzenssachen 146
baut buchstäblich das Luftschloß nach der Tektonik und Statik irdischer Schlösser;
Brunn 1898 Vorr. z. Brunn, Kl. Schr. I 6
So kommt es, dass Luft und Licht in seinen Schriften ist, und der Gedanke nie im Material erstickt. Ja oft bekommt der Hauptgedanke, emporgehoben durch die gelungene Tektonik des ganzen Aufbaus, geradezu etwas Triumphirendes;
Jodl 1904 Vom Lebensweg II 633
Stimmung in diesem Sinne ist die einem Werke als solchem, vermöge seiner inneren Tektonik anhaftende, das heißt in jedem empfänglich Genießenden sich notwendig erzeugende ästhetische Wirkung;
Lipps 1906 Ästhetik II 540
dass man nach dem Vorgange von Bötticher von einer griechischen „Tektonik“ – besser wäre wohl „Architektonik“ – spricht;
Wölfflin 1915 Grundbegriffe 13
„Tektonik“ Raffaels;
ders. 1928 Kl. Schr. 140
Über Hodlers Tektonik;
Erhard 1929 Weg 6
Wie die Biologie bei den Naturgeschöpfen Leib und Leben unterscheidet, so läßt sich auch die Technik in zwei Gebiete, in Tektonik und Energetik, gliedern, wobei sich die Tektonik auf die ortsfesten Bauwerke, sowie auf die Formen und Gestalten der Maschinen und Apparate ... bezieht;
1935 Börsenbl. f. d. dtsch. Buchhandel 756
Tektonik [in einer Hitlerrede];
Münch. N. N. 26. 1. 1938
Es ist darum äußerst lehrreich und fruchtbar, neben der Schönheit der Architektur – die Tektonik der Technik zu sehen, wie sie uns auf der Ersten Deutschen Architektur- und Kunsthandwerk-Ausstellung in den aufs innigste verbundenen Ingenieur- und Architektur­werken der Brücken- und Straßenbaukunst entgegentritt;
1950 Festschr. a. Panzer 105
Zur Tektonik von Wolframs Willehalm;
1955 Bildende Kunst o. S.
wie sehr die Tektonik der Gliederung mit einem Nachlassen des Malerischen bezahlt worden ist (WDG);
Sedlmayr 1955 Revolution 20
Das Ornament ... wird ... zur „Applike“, die abgenommen werden könnte, ohne dass sich an der reinen Tektonik etwas ändern würde;
Stuttgarter Ztg. 25. 1. 1962
Der Sanglichkeit und dem weiten melodischen Atem des Largo galt das Hauptbemühen einer Wiedergabe, die weniger den äußeren Effekt als die Tektonik des Satzes und seine Gefühlsimpulse aufzeigen wollte;
Süddtsch. Ztg. 5. 9. 1964
Die strenge Tektonik und die farbige Zurückhaltung der marokkanischen Malereien sind von Wüste und Fels bestimmt;
Fischer 1966 Kunst 175
germanische Tektonik.
zu tektonisch (9)
Brunn 1883 Kl. Schr. II 99
Über den tektonischen Stil in griechischer Plastik und Malerei;
Schmarsow 1905 Grundbegriffe 3
Stil in den technischen und tektonischen Künsten;
Wölfflin 1915 Grundbegriffe 130
Geschlossene Form und offene Form (Tektonisch und atektonisch);
Lützeler 1934 Grundstile 3
nur in übertragener Bedeutung etwa von plastischer Dichtung oder tektonischer Musik die Rede sein kann;
Gantner 1946 Anm. z. Wölfflins Kl. Schr. 247
Renaissance. Die tektonischen Formen als Ausdruck;
Hausenstein 1951 Wanderungen 67
die tektonischen Linien im Filigran der Pyramide;
Pfeiffer 1953 Wege 127
tektonischer Sinn [im Aufbau eines Gedichts];
Müller-Armack 1959 Religion Vorw. XIII
eine Untersuchung jener tektonischen Struktur, die uns der Zerfall der Glaubenseinheit seit dem 16. Jahrhundert bietet;
Niebelschütz 1961 Spiel 236
das eigentliche Prinzip der Kunst ist immer das Tektonische gewesen, immer die Symmetrie.
zu Tektonik 2b (6)
Hehn 1887 Italien 43
Tektonik des Gebirges;
1924 ZDöAlpenver. 35
Wie die Gestaltung der äußeren Oberfläche mit dem inneren Bau des Gebirges zusammenhängt, wie also sich Morphologie und Tektonik verknüpfen;
Hahne 1930 Zur Tektonik der keltiberischen Ketten
(Titel);
1934 ZGfErdkunde Berlin 228
Tektonik jungbewegter Gebirge;
Haushofer 1937 Weltmeere 210
Das Ringen zwischen Panama- und Nicaragua-Idee ist ohne die Einwirkung des Vulkanismus auf die zweite nicht zu begreifen – obwohl nun die Tektonik am Culebra-Einschnitt reichlich ebenso unliebsam fühlbar wird;
Asklund 1938 Hauptzüge der Tektonik und Stratigraphie der mittleren Kaledoniden in Schweden
(Titel).
zu tektonisch (11)
Hochstetter-Bisching 1898 MG. 143
Dislocationsbeben oder tektonische Beben;
Wilckens 1912 Grundzüge der tektonischen Geologie
(Titel);
Willner 1917 Höhlenkunde 17
tektonischer Vorbereitung (Schichtung, Faltung, Klüf­tung) [des Gesteins];
Geogr. Zschr. 36 (1930) 497
Tektonische Linien sind [in die Landkarte] nur sparsam eingezeichnet;
Lokal-Anz. 9. 2. 1933
Nach Ansicht der Sachverständigen handelt es sich um ein tektonisches Beben;
Berl. Illustr. Nachtausg. 7. 3. 1934
daß auch dieser Gebirgsschlag auf das gleiche tektonische Beben zurückzuführen ist;
1937 Werdendes Land 34
Das tektonische Verhalten des Nordseegrundes;
Wiersbitzky 1938 Südostasien 4
verwickelte tektonische Verhältnisse [in Südostasien];
Benn 1949 Ptolemäer 121
ein tektonisches Beben;
1960 Natur u. Heimat o. S.
Auch tektonische – also innere Kräfte – müssen Hoch­flächen und Berge geformt ... haben (WDG);
FAZ 3. 7. 1970
Das Unternehmen ... konnte wohl auch nicht länger rein defensiv der vor allem von Westfalen ausgehenden „tektonischen Verschiebung“ der Zementindustrie zusehen.
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